SOS Narrenschiff
Es war ein schwerer Fehler, dass die katholische Kirche vor gut 40 Jahren den Index der verbotenen Bücher abgeschafft hat. Zunächst einmal, weil damit eine handverlesene Auswahlliste spannender Literatur aus dem Verkehr gezogen wurde und wir uns nun endlos durch fade Bücher lesen müssen, in der Hoffnung, zufällig doch noch auf etwas Wagemutiges zu stossen. Vor allem aber gehört das Prinzip der organisierten Verurteilung wieder zu Ehren gebracht.
Als erste Massnahme schwebt mir ein monatliches Häresie-Bulletin vor, bequem per Mail abonnierbar. Anstatt mal hier eine Verurteilung und mal dort eine Massregelung auszusprechen, käme endlich Systematik in die Angelegenheit, würde der momentan un-durchsichtigen Willkür der Riegel geschoben.
Ein solches Häresie-Bulletin hätte für alle Beteiligten Vorzüge. Zunächst einmal für uns Laien: Monatlich würden wir frei Haus darüber informiert, was in der Welt der Theologie wieder Verwegenes gedacht wurde. Gewissermassen eine Hitliste der Zumutungen für den theologisch Interessierten: überraschend, provozierend, anregend – und das erst noch übersichtlich in Kategorien eingeteilt und nach eingehender Prüfung von der Glaubenskongegration abgesegnet.
Ein Glücksfall auch für die Theologenzunft: Monatlich wird die Chance geboten, zum erlauchten Kreis der Wahrgenommenen und Diskutierten zu gehören. Raus aus dem Elfenbeinturm und runter auf den Marktplatz. Slogan: Auf der Agora ist Schluss mit Agonie! Wenn sich das Häresie-Bulletin durchsetzt – und wer zweifelt daran –, dann werden sich schon bald Theologinnen und Theologen beim Vatikan melden und bitter darüber klagen, dass sie es noch nie auf die Liste geschafft haben. Denn nur wer drauf ist, ist hipp.
Und schliesslich gehörte sogar die Glaubenskongregation zu den Gewinnern. Ers-tens käme endlich Ordnung ins wild wuchernde Denunziantentum. Das Prinzip
„bester Feind an richtiger Stelle“ würde durch das Prinzip „Qualität über allem“ ersetzt. Nur was eine lupenreine Häresie ist, fände Platz im Bulletin. Und im gleichen Rundumschlag wäre man die leidigen Auseinandersetzungen mit lausig informierten Medienschaffenden los. Die würden angesichts der beeindruckenden Kontinuität
und Vielfalt von Verurteilungen bald schlapp-machen. Zumindest würde sich die Spreu
der „Mal-Ministrant-gewesenen“-Journaille vom Weizen der ernst zu nehmenden Fachjournalisten und -journalistinnen trennen.
In einer Hinsicht jedoch gehören Grenzen gesetzt: Päpstlichen Schriften, ob nun privat oder amtlich verfasst, müsste der Zugang zum vatikanischen Häresie-Bulletin versagt bleiben. Solche Vetternwirtschaft ginge dann doch zu weit.
Eintrag ins Logbuch: Man kommt auf die verrücktesten Ideen, wenn man etwas mehr Pep ins Theologengeschäft bringen möchte.
THOMAS BINOTTO