Liebe Leserin, Lieber Leser
Kaum waren wir an der Planung einer Serie über die sieben Hauptsünden – landläufig „Todsünden” genannt –, begegnete uns das Thema auf Schritt und Tritt, besonders auffällig in einer Sommerserie von DRS 3, wo normalerweise brave Jekami-Jugendlichkeit gepflegt wird. Lässt sich mit einem uralten Sündenkatalog plötzlich Quote machen?
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die „Todsünden“ in unserer scheinbar komplett liberalisierten Gesellschaft so etwas wie den Reiz des Verbotenen ausstrahlen. Wenn alles geht, erhalten radikale Stopptafeln eine exotische Attraktivität. Oder macht sich am Ende gar ein neues Schuldbewusstsein breit? Wohl kaum, zumal ich den Eindruck habe, dass die meisten Menschen nicht halb so verrucht sind, wie sie gerne den Anschein machen. Manchmal vermute ich sogar, dass in unserer Zeit mehr Laster als Tugenden geheuchelt werden.
Dann also lediglich ein unverbindliches Spiel mit dem Feuer, ein bisschen Todsünde-Ambiente für die Spassgesellschaft? Etwas mehr ist wahrscheinlich doch dran. Die Hauptsünden haben nämlich einen gemeinsamen Nenner, der heute von höchster Aktualität und Brisanz ist: Sie sind allesamt Vergehen gegen die Gemeinschaft. Sie ersticken und töten lebendige Beziehungen. Und heissen so gesehen zu Recht „Todsünden“.
Ich glaube tatsächlich, dass es immer mehr Menschen allmählich wieder bewusst wird, wie sehr vitale und stabile Beziehungen das Fundament unserer Gesellschaft sind. Die scheinbar unerklärliche Faszination, die von den „Todsünden“ ausgeht, halte ich als ein Zeichen dafür. Nun müssten wir nur wissen, wie das denn geht: lebendige Beziehungen pflegen.
Ich hätte da eine weitere scheinbar verstaubte Tradition anzu-bieten: Vier Kardinaltugenden und drei christliche Tugenden – macht zusammen ebenfalls sieben.
THOMAS BINOTTO