Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 10, 2007 Ethische Orientierung unter falschem Etikett
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Ethische Orientierung unter falschem Etikett

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In unserer „Todsünden“-Serie haben sich Autorinnen und Autoren aus unterschiedlicher Sicht mit den sieben Hauptlastern befasst. Was für einen Stellenwert aber haben die „Todsünden“ in der heutigen theologischen Ethik?

Wer vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) im katholischen Milieu aufgewachsen ist und die damalige Todsünden-Inflation rings um das sechste Gebot und die so genannten Kirchengebote verbunden mit der Praxis häufiger Beichte am eigenen Leib erfahren hat, wird über die jüngste Hochkonjunktur der „sieben Todsünden“ nicht unbedingt glücklich sein. Aber gemach: Die Wiedererstehung der Todsünden kommt nicht aus der katholisch-kirchlichen Ecke. Nicht nur hat sich die theologische Ethik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der herkömmlichen, oft peinlichen Sündenmoral abgewendet, sie hat auch gelernt, mit dem Begriff Todsünde aus guten Gründen höchst vorsichtig umzugehen und sich von der eingefahrenen Allwissenheit über das Wesen der Sünde, ihr Zustandekommen, ihre Schwere oder „Lässlichkeit“ zu verabschieden. Das Thema Sünde ist zu ernst und zu komplex, oft auch zu mysteriös oder rätselhaft, um es im kurzlebigen Medienrummel zu Markte zu tragen. Wohl die meisten Autorinnen und Autoren, die sich heute unter dem Titel „sieben Todsünden“ mit irgendwelchen Versuchungen, Fehlhaltungen oder Fehlern befassen, kennen die Bedeutung der Todsünde in der kirchlichen Tradition bis hin zur gegenwärtigen Lehre entweder kaum oder sie kümmern sich in ihrer zeitgenössischen Aktualisierung der „sieben Todsünden“ nicht darum. Das Reizvollste ist offensichtlich der Ausdruck „Todsünde“ und ebenso reizvoll ist es, diese siebenfach möglichst handgreiflich zu illustrieren, was bei Stichworten wie Völlerei oder Wollust natürlich besonders dankbar ist. Dabei bleibt es keinesfalls bei den tradierten „Todsünden“ Hoffart, Geiz, Neid, Zorn, Wollust (Unkeuschheit), Völlerei (Unmässigkeit) oder (religiös-ethischer) Trägheit. Es ist unglaublich, was da heute alles zur Konkretisierung von „sieben Todsünden“ geschrieben und auch kommerziell angeboten wird. Da gibt’s neben Abhandlungen, Geschichten, Bildern und Musik in mehr oder weniger grosser Nähe zu den klassischen sieben Lastern unzählige Titel, die alle mit „Die sieben Todsünden“ anfangen, aber dann beliebige Bereiche anzielen, etwa: die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie, der elektrischen Kontaktphysik, der Bildungspolitik, der Kirche und so weiter. Wer Konkreteres wissen möchte, kann sich bei „Google“ im Internet unter „ungefähr 220 000 Einträgen“ umsehen.

VORSICHT MIT DEM BEGRIFF TODSÜNDE
Es sei vorweggenommen: Mit Todsünde im ursprünglichen Sinn hat das aktuelle Feuerwerk zu den sieben Todsünden meistens nichts zu tun, denn Tod-Sünde ist sowohl als Sünde wie erst recht als Sünde zum Tode ein zutiefst religiöser Begriff, der erst mit dem Christentum in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen ist. Nach dem christlichen Verständnis ist Sünde Widerspruch gegen Gottes Willen und Abkehr von Gott, und sofern dies in einer schwerwiegenden Verfehlung geschieht – das waren seit Anbeginn der Kirchengeschichte insbesondere Götzendienst, Ehebruch und Mord – und sofern das begangene Unrecht nicht ernstlich bereut wird und also keine Abkehr von der Sünde erfolgt, ist es eine Sünde zum ewigen Tod in der selbst gewählten Gottferne, wie man die sehr missverständliche „Hölle“ der biblisch-kirchlichen Tradition auch interpretieren kann. Sünde ist gewissermassen ein zerstörerischer leib-seelischer Sterbeprozess mitten im Leben. Sünde als Fehlhaltung und als schuldhafte, das heisst bewusste und mehr oder weniger frei gewollte Fehlhandlung beeinträchtigt oder zerstört Leben in all seinen vielfältigen Dimensionen, sowohl das Eigenleben – das Selbst, die Identität – wie die mitmenschliche Gemeinschaft und eben darin und dadurch – meistens unbewusst und nicht unbedingt gewollt – auch die Gemeinschaft mit Gott. Die Todsünde ist dann so viel wie die endgültige Folge, das bittere Ende eines lebenslangen Prozesses, also weniger die einzelne schwerwiegende Untat für sich genommen, weil im Leben (fast) bis zum letzten Atemzug Reue, Vergebung und Umkehr möglich sind. Todsünde im engsten Sinn des Wortes wird wohl erst im leiblichen Tod endgültig eine solche, doch darüber haben wir Menschen nicht zu befinden. Ob Sünde im Laufe eines menschlichen Lebens zur Todsünde geworden ist, das wird erst offenbar werden, wenn wir im Sterben – oder danach? – vor unserem auferstandenen Richter Jesus Christus als die erscheinen, die wir wirklich waren und nun endgültig sind. Es geht da nicht um eine Aburteilung oder ein grausames göttliches Strafgericht! Wer über Sünde und Todsünde nachdenkt, sollte sich dabei des Wortes Jesu erinnern: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ Es legt sich darum nahe, zwischen schwerer Sünde und Todsünde zu unterscheiden und das Urteil über Letztere dem barmherzigen Gott zu überlassen.

MEHR ALS GELEGENTLICHE VERSUCHUNGEN
Zurück zu den „sieben Todsünden“. Was soll man nach dieser Zwischenbetrachtung davon halten? Mit dem Etikettenschwindel der oben angedeuteten frei erfundenen „sieben Todsünden“ in allen möglichen Lebensbereichen brauchen wir uns hier nicht weiter zu befassen. Aber was ist mit den mehr oder weniger seriösen Abhandlungen zu den genannten klassischen „sieben Todsünden“? Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die Autorinnen und Autoren der eben abgeschlossenen Artikelserie im „forum“, abgesehen von Dietmar Mieth über den Hochmut, nicht eigentlich mit der ethisch-theologischen Frage befassen, ob und, wenn ja, warum die von ihnen behandelten Fehlhaltungen Todsünde seien. Gefragt wird primär, was denn das moralisch gesehen Böse und also Sündige an den tradierten „sieben Todsünden“ ist oder sein könnte – und was nicht. Geht man in die Geschichte zurück und konsultiert die moraltheologischen Handbücher bis zur Zeit des Zweiten Vatikanums, stellt man fest, dass die heute als „sieben Todsünden“ präsentierten Fehlhaltungen nicht „Todsünden“, sondern – wie im einleitenden Artikel richtig erwähnt – meistens „Hauptsünden“ oder präziser „Wurzelsünden“ oder „Quellsünden“ genannt wurden, worauf in den Artikeln vereinzelt angespielt wird, ohne dass damit allerdings eine Distanzierung zum Begriff Todsünde erfolgt. „Sieben Todsünden“ stimmt auch für die seriösen Abhandlungen über den klassischen Lasterkatalog nicht. Warum?
Wie die alten Namen Wurzelsünde oder Quellsünde andeuten, sind mit den normalerweise Hauptsünden genannten Untugenden oder Lastern in erster Linie menschliche Fehlhaltungen (Hochmut, Neid, Geiz) oder gewisse starke emotionale Regungen (Zorn) oder Zustände (Trägheit) oder Lusterlebnisse (Völlerei, Wollust) gemeint, bei denen die sündige Tat leicht beginnen kann: als Ausdruck einer Fehlhaltung oder als Sich-gehen-Lassen ohne Rücksicht auf zerstörerische Folgen, eingegangene Verpflichtungen oder sensible Beziehungsgefüge. „Wurzelsünden“ sind zu vergleichen mit einer infizierten Kartoffelknolle, aus der sich viele kranke Kartoffeln entwickeln können, kleine und grosse. Sofern Hochmut, Neid, Geiz usw. mehr sind als gelegentliche Versuchungen, die als solche noch nicht Sünde sind, sofern sie vielmehr zu bewusst und gewollt eingenommenen – wenn auch meistens moralisch kaschierten – Haltungen und entsprechenden Verhaltensweisen werden, werden sie selbst mehr oder weniger sündig und produzieren mehr oder weniger schwere Tatsünden. Sie werden dann als Haltungs- und Handlungseinheit zu „Lastern“. Das selbstkritisch zu bedenken, ist heute nicht weniger aktuell als in früheren Zeiten, sofern man ein gutes Leben führen will.

WIR WOLLEN NICHT DAS BÖSE
Dass in solche als Lebenshilfe durchaus brauchbare Lasterkataloge, die nie vollständig sein können, nicht nur überzeitlich gültige Fehlhaltungen, sondern auch Zeitbedingtes und sogar Problematisches eingeflossen ist, ist Tatsache, sichtbar etwa am Beispiel „Wollust“. Dass Grundhaltungen mit Tatfolgen sowohl als Tugenden wie als Laster je nach Zeit und Situation unterschiedlich gedeutet werden (können), ist es auch. Das bedeutet, dass man solch tradierte Kataloge immer wieder neu kritisch durchleuchten und interpretieren muss, wie in der Artikelserie geschehen. Dabei fällt – gerade bei diesen Artikeln – auf, dass das Böse im konkreten Leben so eindeutig nicht ist, es geht immer wieder darum, die richtige Mitte zu finden. Das hängt damit zusammen, dass wir Menschen im Handeln eigentlich nicht das Böse wollen, sondern das im Bösen versteckte Gute, genauer: die im Bösen enthaltenen positiven Lebens-Güter, etwa Ehre, Macht, Geld, Speise und Trank, sexuelle Lust. Die sind nicht des Teufels! Eben das macht ja die Laster so anziehend und uns so versuchlich oder schwach, wie wir mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen zu sagen pflegen. Die Tradition sieht die „Hauptsünden“ darum mit Recht als ungeordneten, zügellosen oder rücksichtslosen Gebrauch oder Genuss von wichtigen Gütern des Alltags. Bei der „Trägheit“ ist es umgekehrt: Es geht bei ihr um Fatalismus, um einen unnötigen, ja vielleicht unentschuldbaren Verzicht auf irdische Möglichkeiten zur Lösung von Problemen oder eine bessere Lebensbewältigung.

HANS HALTER

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Buchtipps


Alfred Bellebaum, Detlef Herbers (Hg.): "Die sieben Todsünden. Über Laster und Tugenden in der modernen Gesellschaft". Aschendorff Verlag 2007. 346 Seiten, Fr. 52.10. ISBN 3-402-00426-7.


Heiko Ernst: "Wie uns der Teufel reitete. Von der Aktualität der 7 Todsünden". Ullstein 2006. 271 Seiten. Fr. 31.60. ISBN 3-550-07832-3.