Erinnerung an einen Traum
Das alte Jerusalem galt als heilig, weil dort der Tempel stand, dessen Heiligkeit auf die ganze Stadt ausstrahlte. In Psalmen wird Jerusalem „Stadt unseres Gottes“ genannt, weil „der Herr in Jerusalem thront“. Die in ihrer irdischen Dimension bescheidene Stadt von damals wurde idealisiert und regte Propheten zu grandiosen Visionen einer Stadt Gottes unter den Menschen an.
Nachdem Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. von den Römern zerstört worden war und die Christen in Kleinasien in Bedrängnis gerieten, erwachte von Neuem die Hoffnung auf die Idealstadt, in der Gott und die Menschen in Harmonie zusammenleben. Johannes von Ephesus schildert sie in seiner Apokalypse (Offenbarung) am Ende der Bibel: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; … ich hörte eine Stimme: Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein“ (Offb 21,2–3). Johannes sieht diese Stadt Gottes in ihren überwältigenden Dimensionen plastisch vor sich. Er benennt Masse und Formen, beschreibt zahlreiche Einzelheiten und betont den Glanz der kostbaren Materialien: Gold, Glas, Edelsteine und Perlen.
Seine Hoffnungsvision wirkte tröstend auf viele Christen in Not, aber auch anregend für die theologische Spekulation und die kirchliche Architektur. Schon in frühchristlicher Zeit und erst recht in der Gotik galt das Kirchengebäude als Abbild des himmlischen Jerusalem. Oft wurde die Stadt Gottes zusätzlich im Innern der Kirche in irgendeiner Form versinnbildlicht.
Der Dom von Hildesheim, den Bischof Hezilo (1054–79) nach einem Brand erneut als karolingische Basilika wieder aufbauen liess, erhielt bei dieser Gelegenheit einen neuen, monumentalen Radleuchter. Diese Lichtkrone hängt inmitten der Vierung des Doms, direkt über dem Altar. Eine ihrer Inschriften nennt sie „erhabene Stadt“. Ihre Gestalt ist voller Anspielungen auf die Traumstadt der Apokalypse. Obwohl sie über 6 Meter Durchmesser hat, wirkt sie nicht schwer. Sie scheint von oben herabzuschweben. Ihre Aufhängung mit 4 Eisenstreben, von denen jeweils noch zwei Nebenstreben ausgehen, ist im Halbdunkel des Doms unauffällig. An den Streben sind insgesamt 72 goldene Kugeln angebracht, die das von aussen einfallende, relativ spärliche Licht wie Sterne auffangen und weitergeben. Oben sind die Streben in einer zentralen, goldenen Kugel verankert, die rosettenartig verziert ist und die Quelle des Lichtes zu sein scheint.
Der Leuchter selbst wirkt wie das Modell einer mittelalterlichen Stadtmauer, ausgeführt in vergoldetem Kupferblech, teils getrieben, teils in Braunfirnis ornamentiert. Die Mauer ist gleichmässig durch 12 Tore und 12 Türme wechselweise gegliedert. Diese tragen Namen von Propheten, Aposteln und Tugenden. Alle Tore sind offen. Gekrönt wird die Mauer durch 72 zinnenartige Aufsätze, die einst während der Liturgie brennende Kerzen trugen, deren Flackern den Lichtglanz Gottes, der die Stadt erleuchtet, erahnbar machen sollte.
Neben der Lichtsymbolik greift die Romanik auch die Zahlensymbolik der Offenbarung auf, indem sie mit den heiligen Zahlen 3, 4 und 12 spielt. Die Zahl 12 verweist auf die Stämme Israels und die Apostel, die Zahl 72 (6 x 12) auf die Gruppe der Jünger Jesu. Die Zahl der 4 x 12 Kugeln kann als Hinweis auf die kosmische Dimension der Sternzeichen gesehen werden. Die 24 x 6 Palmettenfelder des Mauerrings entsprechen den 144 Ellen als dem Mass der Himmelsstadt in der Offenbarung.
Die Lichtkrone von Hildesheim stellt einen Traum der Hoffnung dar: Die Stadt Gottes möge herabkommen, nicht von Menschen konzipiert und erbaut, sondern denen geschenkt, die sich Gott anvertrauen: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ Und die Kirche möge eine Gemeinschaft werden, deren Mitte Gott bleibt, die offen und einladend ist, deren Reden und Tun erhellend und einleuchtend wirkt, aufstellt und Mut macht.
WALTER ACHERMANN