Liebe Leserin, Lieber Leser
Das Problem an den guten Vorsätzen, die wir in der Neujahrsnacht fassen, sind nicht die guten Vorsätze, sondern ihre Schrittlänge. Es sind meistens zu grosse, zu gewichtige und zu radikale Korrekturen, mit denen wir unseren Weg in die Zukunft verbauen. Deshalb geraten wir auch schon zeitig im neuen Jahr ins Stolpern. Schuld daran ist der Datumswechsel, der Grosses vorspiegelt, obwohl doch nur ein Tag auf den anderen folgt. Nur weil sich die letzte Stelle im Datum ändert, haben wir das Gefühl, es passiere etwas Epochales. Mit einem Schlag liegt ein neues Jahr unberührt vor uns und wartet scheinbar nur darauf, dass wir alles ganz neu, ganz anders und von Grund auf besser machen.
Aber die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar bleibt eine Nacht wie jede andere. Und die Tage darauf folgen sich wie die Tage zuvor. Die raumgreifende Abkürzung, die sich für einen Moment eröffnet, ist eine Illusion. Die alltäglichen Tage sind unsere eigentliche Herausforderung, weil sie unserer Schrittlänge angemessen sind. Bischof Amédée Grab beschreibt in diesem Heft, wie er sich jeden Abend die Vorsätze für den nächsten Tag nimmt. So müssten wir es alle tun: uns das vornehmen, was wir auch überschauen können. Ganz bewusst jeden einzelnen Tag in Angriff nehmen. Ganz bewusst für jeden Tag einen Vorsatz fassen. Das verlangt viel Disziplin und Ruhe. Und die Fähigkeit zur Selbstkritik, weil man sich jeden Abend den verpassten Chancen stellen muss. Dennoch führt es uns mit Sicherheit weiter als eine „Generalvorsatzfassung“ in der Silvesternacht. Und dennoch werde ich mir für 2007 etwas vornehmen: mir jeden Tag die Zeit zur Nachbetrachtung gönnen, jeden Tag als einzigartiges Geschenk und einmalige Chance begreifen. Und mir für jeden Tag jene kleinen Schritte vornehmen, die ich auch gehen kann – und muss.
THOMAS BINOTTO