Heilung statt Strafe
Im Judentum zur Zeit Jesu gab es neben Johannes noch etliche andere Täufergestalten. Auch Wanderprediger, die sich als Messias und Erlöser verstanden, waren keine Seltenheit. Dass sich viele dieser Taufbewegungen in die Wüste zurückzogen, ist kein Zufall, ist doch die Wüste der Ort, an den Israel seine Endzeithoffnung knüpfte. Auch die Gemeinschaft der Essener, deren Schriften 1947 in den Höhlen von Qumran am Toten Meer gefunden wurden, bereiteten sich in der Wüste, weitab von der in ihren Augen verdorbenen Gesellschaft, auf die vermeintlich unmittelbar bevorstehende Apokalypse vor. Auch sie kannten Taufrituale zur rituellen Reinigung.
Wie die Essener, so war auch Johannes der Täufer der Überzeugung: Es ist fünf vor zwölf, das Jüngste Gericht steht kurz bevor ebenso wie die Ankunft des Messias. Als „einen, der stärker ist als ich“, bezeichnete er den erwarteten Erlöser. Meinte er damit Jesus? Wohl kaum, denn: Die Frage, die hier im Lukas-Text erwähnt wird, ob nicht vielleicht Johannes der Messias sei, ist von gewissen Anhängern des Täufers mit „Ja“ beantwortet worden. Sie sahen nicht in Jesus, sondern in Johannes den endzeitlichen, von Gott geschickten Erlöser und hielten ihm die Treue über seinen Tod hinaus. Diese Gemeinschaft der Johannesjünger rivalisierte später mit den ersten christlichen Gemeinschaften. Zu einer solchen Rivalität wäre es wohl kaum gekommen, wenn der Täufer die Messianität Jesu bezeugt hätte. Die Apostelgeschichte berichtet davon, wie Paulus in der Gegend von Ephesus mit Johannesjüngern zusammentraf (Apg 19,1–7) und wie er sie dazu bewegen konnte, sich dem Christentum anzuschliessen.
Bis heute sehen die Mandäer, eine kleine, im Irak ansässige Religionsgemeinschaft, in Johannes dem Täufer ihren wichtigsten Reformator. Der Glaube der Mandäer besteht aus jüdischen, gnostischen und christlichen Versatzstücken. Erlöser ist nicht Jesus, sondern Manda d-Hajje – „Erkenntnis des Lebens“. Der oberste Gott Mana rurbe schickt Manda d-Hajje auf die vom bösen Schöpfergott Ptahil geschaffene Erde zu Adam und dessen Gattin Hawa, um sie über ihre Herkunft aufzuklären. Denn nur wahres Wissen ermöglicht Erlösung. Darüber hinaus begleitet Manda d-Hajje die Seelen der Verstorbenen bei ihrem Aufstieg in die Lichtwelt, bei der sie von Dämonen bewachte Stationen passieren müssen.
Nicht von ungefähr spielt Johannes in der mandäischen Religion eine wichtige Rolle, denn sie übernimmt dessen zentrale Vorstellung: Erlösung ist an Bedingungen geknüpft und es gilt streng zu trennen das Gute vom Bösen, das Göttliche vom Dämonischen, die Sündigen von den Bussfertigen. Und nicht von ungefähr sehen die Mandäer in Jesus einen falschen Propheten. Jesu Botschaft steht ihrem Glauben diametral entgegengesetzt. Auf die Frage des Johannes nämlich, ob Jesus der sei, der kommen soll, verweist Jesus auf die Blinden, die wieder sehen, und die Lahmen, die wieder gehen. Damit macht er deutlich: In seinem Verständnis ist Gott nicht einer, der richtet und straft, sondern einer, der heilt.
JUDITH HARDEGGER