Einen Anfang machen
Anlässlich der Jubiläen, die von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich 2006 und 2007 begangen werden, fand am 9. September 2006 in der Pfarrei Heilig Geist in Zürich-Höngg unter dem Titel „Werkstätten Zukunft Kirche Zürich“ eine Kick-off-Veranstaltung statt. Über 300 Personen erlebten und gestalteten so auf kantonaler Ebene eine so genannte Zukunftskonferenz mit.
Am 10./11. November und am 1./2. Dezember wurden nun im Kloster Menzingen die beiden Moderationsworkshops durchgeführt. Von den Pfarreien delegierte Personen eigneten sich in diesen beiden Tagen unter der Leitung von Thomas Niedermann und Hannes Hinnen das Rüstzeug an, um als Moderatoren und Moderatorinnen in ihrer Pfarrei vor Ort ebenfalls eine Zukunftskon-ferenz durchführen zu können. Neben der Zukunftskonferenz wurden zwei weitere Grossgruppenmethoden vorgestellt: das Open Space und das World Café.
Wie Franz-Xaver Herger, Leiter des Pastoralamtes im Generalvikariat Zürich/Glarus, der als Mitleiter der Moderationsseminare mitwirkte, betont, steht nicht eine bestimmte Methode, sondern der zukunftsorientierte Prozess im Zentrum. Ziel ist, dass sich viele verschiedene Menschen gemeinsam Gedanken machen über die Zukunft ihres Glaubens, ihrer Pfarrei vor Ort, des Generalvikariats und des Bistums, ja sogar der Weltkirche; sie sollen sich überlegen, was ihnen diesbezüglich wichtig scheint. Dabei ist jede Meinung gefragt; alles darf zur Sprache kommen.
FRAGEN STELLEN
Zentrale Bedeutung habe, so Herger, dass die Teilnehmenden es wagen, sich zu fragen und Fragen zu stellen, beispielsweise: Was würde den Menschen fehlen, wenn es uns Christen und Christinnen nicht gäbe? Wer sind unsere Verbündeten, die mit uns ähnliche Interessen verfolgen? Wie glaubwürdig leben wir die Botschaft Jesu Christi? Welche besonderen Möglichkeiten haben wir? Welches sind unsere Ziele in der Pfarrei? Fragen wie diese bilden den Ausgangspunkt für einen Prozess, an dessen Ende ein Pfarreiprojekt Gestalt annimmt und umgesetzt wird.
Man sei sich auf dem Generalvikariat sehr wohl bewusst, dass vielerorts bereits eine grosse Sensibilität für die pfarreiliche Zukunft bestünde und schon verschiedene Projekte und Aktivitäten in Angriff genommen worden seien. Man habe aber anlässlich der drei Jubiläen „200 Jahre Toleranzedikt“, „50 Jahre Generalvikariat“ und „40 Jahre Seelsorgerat“ kantonal einen Anstoss geben wollen, um einen kantonalen Prozess in Gang zu setzen. Einen Prozess, aus dem viele Impulse für das kirchliche Leben im Kanton Zürich und darüber hinaus resultieren könnten.
Während die Methode des World Café an einem Abend durchführbar ist, muss man für die Zukunftskonferenz und das Open Space einen bis eineinhalb Tage planen. Rolf Bezjak, Gemeindeleiter in der Pfarrei St. Stephanus in Männedorf-Uetikon, hat vor einiger Zeit mit der Pfarrei Maria Frieden in Dübendorf mit der Open-Space-Methode gearbeitet und plant etwas Ähnliches nun in St. Stephanus.
ALLES AUF START
Während bei der Zukunftskonferenz Themen mit Abstimmungen und Mehrheitsentscheid bestimmt würden, kämen beim Open Space alle Themen zur Sprache, die von den Teilnehmenden eingebracht würden. Auch in der äusseren Form gäbe es Unterschiede zwischen den beiden Grossgruppenmethoden: Bei der Zukunftskonferenz sitzen alle Personen in Kleingruppen im selben Raum; bei Open Space bewegen sich die Teilnehmenden zwischen verschiedenen Räumen. Die Voraussetzung für beide Konzepte wie auch für das World Café sei allerdings, dass die Menschen, die daran teilnähmen, Interesse an ihrer jeweiligen Pfarrei mitbrächten und Lust hätten, anderen Menschen zu begegnen und mit ihnen zu diskutieren.
Ähnlich sieht es auch Frieda Mathis, Religionspädagogin und Familienseelsorgerin in der Pfarrei St. Gallus in Zürich-Schwamendingen. Sie hat als Teilnehmerin an einem der beiden Moderationsworkshops teilgenommen und ist überzeugt, dass sich eine solche Grossgruppenmethode tatsächlich auch auf der Ebene der Pfarrei durchführen lässt. Vorausgesetzt allerdings, dass es nicht nur der Wunsch des Seelsorgeteams sei, sondern auch die Kirchenpflege dafür gewonnen werden könne und der Pfarreirat dahinterstehe. Ganz wichtig sei auch, dass es nach dem eigentlichen Grossgruppenanlass wirklich weitergehe, dass das Erarbeitete etwa in Arbeitsgruppen weiterentwickelt und dann umgesetzt würde. Sonst könnten sich die Begeisterung und die Energie, die ein solcher Anlass durchaus freizusetzen im Stande sei, sehr schnell in Frustration verwandeln. Frieda Mathis hofft, dass mit dem Erlebnis der Grossgruppenmethode den Menschen in den Pfarreien (neu) bewusst wird, dass sie die Pfarrei sind und über gestaltende Kräfte verfügen, die für die Kirche der Zukunft dringend benötigt werden.
ALEXANDRA DOSCH