Auch für junge Männer
Im Zuge der Industrialisierung verloren viele junge Frauen ihre häusliche Beschäf-tigung und zogen in die Fremde, um in den neu entstandenen Fabriken ihr Brot zu verdienen. Dies brachte zwar Selbständigkeit, setzte die Frauen aber manchen Gefahren aus: Ausnützung durch den Arbeitgeber oder organisierter internationaler Frauenhandel. Grund genug, 1898 den „Katholischen Mädchenschutzverein“, heute Pro Filia, zu gründen.
Der Verein machte es sich zur Aufgabe, die jungen Frauen bei der Stellenwahl, auf der Reise und während des Aufenthaltes in der Fremde zu beraten und zu unterstützen.
Diesen Anliegen ist der Pro-Filia-Kantonalverein Zürich bis heute verpflichtet, wenn sich die Vorzeichen auch geändert haben. Die Bahnhofhilfe betreut noch immer Menschen auf der Reise – nicht mehr nur Mädchen, sondern alle, die auf Hilfe angewiesen sind. Sei es, weil sie nicht allein ein-, aus- oder umsteigen können, sei es, weil sie die Orientierung im Zürcher Hauptbahnhof verloren haben oder weil sie einfach jemandem ihr Herz ausschütten wollen. „Dabei ist den wenigsten bewusst, dass die Bahnhofhilfe von zwei gemeinnützigen Vereinen, Pro Filia und Compagna, getragen wird“, erklärt Ad-interim-Präsidentin Marta Knecht. „Viele Leute meinen, es handle sich um ein Angebot der SBB, das im Billettpreis inbegriffen sei.“
Auch die Pro-Filia-Au-pair- und -Schulvermittlung steht heute nicht mehr nur jungen Frauen offen. Vor allem seit dem Schweizer Kinofilm „Jeune Homme“ melden sich vermehrt auch junge Männer für einen Au-pair-Aufenthalt, sagt Inlandstellenvermittlerin Heidi Konrad. Die Rückmeldungen über die männlichen Kinderbetreuer und Haushalthilfen seien positiv. Trotzdem gebe es Familien, die aus Prinzip keine Jungs nehmen. „In Zeiten des Lehrstellenmangels sind Au-pair-Stellen besonders gefragt, und sie sind eine sinnvolle Zwischenlösung. Die jungen Leute werden selbständiger, erwerben praktische Fähigkeiten im Haushalt und in der Kinderbetreuung sowie grosse Sozialkompetenz, knüpfen neue Kontakte und lernen zudem eine Fremdsprache. Neunzig Prozent unserer Au-pairs finden im Anschluss eine Lehrstelle“, so Konrad. Gemäss ihrem Gründungsauftrag vermittelt Pro Filia nicht nur die Stellen oder Sprachschulen, sondern betreut die jungen Frauen und Männer während ihres Aufenthaltes auch vor Ort, so dass diese sich jederzeit bei Problemen an eine Ansprechperson wenden können.
Der dritte Angebotsbereich der Pro Filia sind die Unterkünfte. Was in den sechziger Jahren Passantinnenhaus hiess, von Ordensschwestern geführt wurde und hundert Frauen preisgünstig für begrenzte Zeit Unterkunft bot, präsentiert sich heute als modernes Hotel Foyer Hottingen und empfängt Gäste aus aller Welt. „Bis vor einigen Jahren hat das Fürsorgeamt der Stadt immer wieder Flüchtlinge in diesem Haus untergebracht“, weiss Marta Knecht. Pro Filia habe gegenüber dem Amt für soziale Dienste immer noch einen Auftrag, eine bestimmte Anzahl Klienten zu beherbergen.
Einzig das Wohnhaus Pro Filia an der Mühlebachstrasse und die Wohngruppe Arche an der Rötelstrasse sind nach wie vor jungen Frauen vorbehalten. Beide bieten Frauen in Ausbildung Zimmer und Gemeinschaftsräume zu moderaten Preisen und haben eine Leiterin als Ansprechperson.
JUDITH HARDEGGER