„Je älter ich werde, desto besser finde ich es, dass ich nicht alles weiss.“
Er ist ein väterlicher Bischof und dabei durchaus patriarchal. Ein Leiden an seinem Amt ist bei ihm nicht auszumachen. Er scheint daran sogar Freude zu haben. Das macht Amédée Grab nicht unsympathisch – im Gegenteil. Er ist ein Bischof, in dessen Gesellschaft man sich wohl fühlt, der Herzlichkeit und Humor ausstrahlt. Mit welschem Charme lässt er auch einmal fünf grade sein und an Strukturfragen oder Kirchenpolitik scheint er nur am Rande interessiert zu sein. Mit dieser gewinnenden Art hat er es – zusammen mit seinen Weihbischöfen – geschafft, das zerfahrene Verhältnis zwischen dem Ordinariat in Chur und der Kantonalkirche in Zürich innert erstaunlich kurzer Zeit wieder zu entkrampfen.
Amédée Grab ist kein Freund von träfen Grundsatzerklärungen und systematischer Rhetorik. Das machen Gespräche mit ihm nicht ganz einfach, weil er selten jene messerscharfen Zitate liefert, die man sich als Journalist wünscht. Aber wenn er sichtlich gerührt von einer Begegnung am Rande einer Firmung erzählt, die ihn als Bischof sprachlos zurückgelassen und seiner eigenen Begrenztheit bewusst gemacht hat, dann spürt man, dass er nicht nur aus Gründen der Diplomatie der harten Konfrontation gerne ausweicht. Amédée Grab tritt nicht nur als väterlicher Bischof auf – er möchte dies offensichtlich auch ganz bewusst sein.
forum: Bischof Amédée, Sie sind im November zum letzten Mal als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz nach Rom zum Ad-limina-Besuch gereist. Liege ich richtig, wenn ich in Ihrer Rede zu diesem Anlass eine grosse Gelassenheit und ein gesundes Selbstbewusstsein spüre?
Bischof Amédée Grab: Wir sind weder nach Rom gegangen, um uns zu entschuldigen, noch zur Rechtfertigung und auch nicht zur Provokation. Wir sind im Bewusstsein in Rom gewesen, dass wir für die Einheit der Kirche mitverantwortlich sind. Und wir sind überzeugt, dass das Wirken der katholischen Kirche in der Schweiz zur Förderung dieser Einheit beiträgt. Es geht also nicht nur um Verständnis für unsere Situation in der Schweiz, sondern auch um deren Anerkennung.
Die Kollegialität unter den Bischöfen wird immer wieder beschworen. War diese beim Ad-limina-Besuch spürbar?
Die Modalitäten des Besuchs waren diesmal ganz neu. Früher haben alle Bischöfe gemeinsam mit den fünf bis sechs wichtigsten Kurienkardinälen geredet, die übrigen Di-kasterien (Behörden) wurden nur von einzelnen Bischöfen besucht. Diesmal fand eine Plenarversammlung im Rahmen des Ad-limina-Besuchs statt, bei der immer alle Schweizer Bischöfe und zwölf bis dreizehn Vertreter der römischen Kurie anwesend waren. Alle haben also alles gehört und konnten überall mitdiskutieren. Die interessante Erfahrung dabei war, dass nicht alle Kardinäle immer dieselbe Meinung vertraten – genauso wie wir Bischöfe auch nicht immer übereinstimmen. Insgesamt wurde die Kollegialität unter den Bischöfen und Kardinälen so besser spürbar.
Eine besondere Form der Kollegialität haben Sie im „Rat der europäischen Bischofskonferenzen“ (CCEE) erlebt, den Sie von 2001 bis 2006 präsidiert haben. Was sind Ihre eindrück- lichsten Erlebnisse aus dieser Zeit?
Ich habe vor allem die Wende von 1989 intensiv miterlebt. 1991 hatte der Papst eine Sondersitzung der Bischofssynode einberufen. Damals hatten die Bischöfe aus dem Osten noch stark das Gefühl, von der Entwicklung im Westen ausgeschlossen zu sein. Das II. Vatikanische Konzil und seine Folgen waren bei ihnen kaum umgesetzt worden, weder in der Liturgie noch in der Theologie oder der Pastoral. Dieses Defizit war ihnen bewusst. Andererseits beklagten sie die fehlende Solidarität durch die westeuropäische Kirche in der Zeit der Verfolgung, aber auch die Verweltlichung und Liberalisierung, die bei uns im Westen zu weit fortgeschritten sei. 1999, acht Jahre später, fand eine zweite Sondersitzung der Bischofssynode statt und jetzt konnte man feststellen, dass die Solidarität immer besser zu spielen begann, aber auch, dass durch die Liberalisierung im Osten dort ähnliche Fragen und Probleme auftraten wie im Westen.
Und was haben Sie für Ihre Arbeit als Bischof in der Schweiz mitgenommen?
Ich habe gelernt, dass die Erfahrungen, die in einem einzelnen Land gemacht werden, ob positiv oder negativ, nicht alles aussagen. Natürlich kann man gewisse Beobachtungen, die wir in der Schweiz beispielsweise in den beiden Sonderfallstudien gemacht haben, auf andere mitteleuropäische Länder übertragen. Aber die Diskussion, ob eine Kirchgemeinde selbständig und ohne Zustimmung des Bischofs Leute anstellen kann, die halte ich letztlich nur für relativ zentral.
Was sind denn Ihrer Meinung nach die zentralen Herausforderungen, denen sich die katholische Kirche in der Schweiz stellen muss?
Es ist ein Problem, dass sich die Kirche weitgehend mit internen Problemen befasst. Wir streiten viel zu viel darüber, wer was befiehlt, wer was darf und wer was organisiert. Als Insider weiss ich natürlich, was Caritas oder Justitia et Pax in diakonischer Hinsicht für diese Gesellschaft leisten, aber das wird in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig wahrgenommen. Die Verkündigung des Glaubens geschieht doch nicht bloss in Form von Weiterbildung, Debatten und Kursen. Wir müssen den Glauben aussprechen und leben, wir müssen unsere Gesellschaft sozial und politisch mitgestalten, als eine dynamische Kraft aus dem Geist des Evangeliums.
Mit anderen Worten: Die Kirche muss sich vermehrt von innen nach aussen wenden und politisch werden?
Als alter Mann merke ich, wie die Politik immer spannender wird. Fast in jeder Abstimmung geht es in den letzten Jahren und sicher auch in Zukunft um Fragen, die sozial oder ethisch hoch brisant sind. Ich denke an die Bereiche Humanmedizin, Gentechnologie oder auch Euthanasie. Und natürlich an den politischen Dauerbrenner Asyl- und Ausländerpolitik. Das alles sind Themen, bei denen sich die Bischöfe eigentlich zwingend zu Wort melden müssen. Aber es geht uns dabei nicht um Parteipolitik, sondern darum, einen Beitrag zu leisten, damit sich die Bürgerinnen und Bürger eine Meinung bilden können.
Im Abstimmungskampf um das Asyl- und Ausländerrecht wurden aber auch Stimmen laut, die von der Kirche verlangten, sich nicht in die Politik einzumischen.
Diese Forderung höre ich nun schon seit Jahrzehnten. Sie ist inzwischen vollständig abgedroschen. Als Kirche sind wir verpflichtet, den Weg des Gekreuzigten und Auferstandenen nachzugehen. Solidarität und Mitgefühl mit den Schwachen gehört zu diesem Weg notwendig dazu. Es kann sein, dass sich die Gedanken der Bischöfe mit Parteiparolen decken, aber das ist nicht unser Anliegen. Uns geht es um eine glaubwürdige Verwirklichung des Glaubens an Jesus Christus.
Trotz politischem Engagement stellen sich in-nerkirchliche Fragen. In der Schweiz vor allem auch, wenn es um den Dialog zwischen den Konfessionen geht. Wo müssen wir in der Ökumene anpacken?
Im Bereich der Ökumene sehe ich drei Hauptfelder, in denen wir tätig sein müssen. Ers-tens der Dialog unter Theologen. Der läuft seit Jahrzehnten und entwickelt sich immer mehr vom ökumenischen zum interreligiösen Dialog. Dann das gemeinsame Gebet. Ich spreche hier gerne von einer Ökumene des Herzens und der Spiritualität. Und drittens sind wir aufgefordert, gemeinsam für und mit unserer Gesellschaft tätig zu werden. Wir sind für diese Welt mitverantwortlich, und es ist deshalb begrüssenswert, wenn sich Juden, Protestanten und Katholiken in vielen wesentlichen Fragen einig werden und sich dann auch gemeinsam äussern.
Wäre es nicht nahe liegend, den ökumenischen Dialog auch bei konfessionsgemischten Paaren anzusiedeln?
Das ergibt sich eigentlich von selbst, aber das bedeutet noch lange nicht, dass der Dialog bei jedem konfessionsgemischten Paar auch tatsächlich stattfindet. Eigentlich wäre es natürlich der Ort, wo man miteinander betet, seinen Glauben diskutiert und lebt, wo der christliche Glaube den Hauptakzent setzt, ob die Kinder nun katholisch oder reformiert getauft sind. Aber wenn in einer Grossstadt wie Zürich zwischen 4 und 5 Prozent der Kirchenmitglieder zur Messe gehen, dann kann man nicht annehmen, dass ein grosser Prozentsatz an konfessionsgemischten Paaren gemeinsam zur Kirche geht. Ökumenischer Dialog in den Familien ist sehr wünschenswert, aber wohl keine allgemeine Realität.
Immer wieder beklagen konfessionsgemischte Paare, dass sich der reformierte Partner von der Eucharistie ausgeschlossen fühlt. Muss das so sein?
Der Papst selbst hat gesagt, was hier jeder Bischof und jeder Pfarrer sagen würde, dass nämlich niemand zurückgewiesen wird, der zur Kommunion kommt. Als Seelsorger oder Kommunionhelfer kann ich ja gar nicht wissen, wer nun katholisch ist oder nicht. In den Richtlinien aus Rom heisst es ganz klar, dass der katholische Priester eine Person, die nichtkatholisch, aber getauft ist, nicht nur zur Kommunion zulassen, sondern sogar einladen darf. Allerdings muss diese Person einige Voraussetzungen erfüllen. Zunächst einmal muss der tiefe Wunsch vorhanden sein, an der Eucharistie teilzunehmen. Und dann muss diese Person den eucharistischen Glauben der katholischen Kirche teilen, also dasselbe Abendmahlsverständnis wie wir Katholiken haben. Der Zugang zur Kommunion setzt also keine Konversion voraus.
Wenn die wichtigste Voraussetzung lautet, das katholische Eucharistieverständnis zu teilen, dann wird der Entscheid, ob man zur Kommunion geht oder nicht, zum Gewissensentscheid eines jeden Einzelnen.
Ich kann ja kein Examen machen vor dem Kommunionempfang. Ja, es ist letztlich eine persönliche Entscheidung, die jeder Gläubige selbst in seinem Gewissen fällen muss. Ich kann nicht alles kontrollieren. Und je älter ich werde, desto besser finde es, dass ich nicht alles weiss. Ich bin deshalb auch dagegen, dass wir die Ökumene nur an Allgemeinlösungen messen. Die permanente Forderung nach einer allgemeinen Mahlgemeinschaft halte ich für die Ökumene letztlich hinderlich.
Sie bevorzugen also Einzellösungen. Investieren wir nicht zu viel in Strukturen und zu wenig in Beziehungen?
Wir müssen unsere Beziehungen pflegen, weil die Pfarreigemeinschaft davon lebt. Wenn wir nur noch eine Organisation mit verschiedenen Dienstleistungen sind, dann können wir diese Aufgabe auch einem Verein oder einer Stiftung übertragen. Ich finde es deshalb gefährlich, wenn man von einer Pfarrei verlangt, dass sie „alles abdeckt“. Was die Pfarrei als Organisation nämlich niemals abdecken kann, ist die Verantwortung eines jeden Einzelnen für das Evangelium und die Gemeinschaft. Und diese Verantwortung geht über das Bezahlen von Kirchensteuern und die Teilnahme am Gottesdienst hinaus.
Dann lässt sich Frömmigkeit aber konsequenterweise nicht allein an der Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs messen.
Auf jeden Fall ist der Gottesdienst unvollständig, wenn er nicht in den Alltag ausstrahlt. Es kann doch nicht sein, dass wir in der Liturgie eins werden mit dem, der uns bis in den Tod geliebt hat, und dann nicht bereit sind, diese Liebe weiterzutragen. Fromm zu sein, aber an sozialen Fragen nicht interessiert zu sein und den Frieden nicht weitergeben zu wollen, das ist ein Hohn von Liturgie, mehr noch, es ist die Negation der Liturgie. Dass normalerweise das Opfer während der Gabenbereitung aufgenommen wird, ist deshalb mehr als nur ein Zeichen. Es macht bewusst, dass Diakonie und Liturgie untrennbar zusammengehören.
Kirche wird oft als Nische wahrgenommen. Besteht da nicht die Gefahr, dass wir unser Engagement ausschliesslich auf die Bedürfnisse der engeren Pfarreigemeinschaft ausrichten?
Wenn ich getauft oder gefirmt bin, ist es selbstverständlich meine Pflicht, mich für die Gemeinschaft in der Pfarrei einzusetzen. Aber als Christ ist auch meine Pflicht, mich in unserer Gesellschaft und unserem Staat zu engagieren. Das christliche Engagement beschränkt sich nicht nur auf die kirchliche Gemeinschaft. Aus dem Glauben, dass einer für alle gestorben ist, ergibt sich notwendigerweise, dass wir Christen für ihn leben müssen. Diese Dynamik des Glaubens ist nicht teilbar. Ich kann nicht sagen, das gilt nur in einem bestimmten Rahmen oder es bleibt auf unsere Gemeinschaft begrenzt. Nein, es gilt immer und überall, es ist ein unteilbarer Auftrag an uns.
Sie sind Benediktiner von Einsiedeln, leben nun aber schon seit vielen Jahren nicht mehr im Kloster. Was haben Sie sich an benediktinischer Spiritualität bewahrt?
Ich war immer Benediktiner. Noch immer habe ich in Einsiedeln eine Zelle. Wenn es geht, bin ich jedes Jahr drei- bis viermal für ein, zwei Tage zur Besinnung dort. Wenn möglich bin ich auch beim Stundengebet dabei. Daneben sind es ganz viele praktische Werte, die meine benediktinische Lebenshaltung ausmachen. Das Mass zu halten, beispielsweise. Immer wieder Abstand zu gewinnen von den oberflächlichen, unmittelbar fordernden Umständen. Oder mir stets von Neuem bewusst machen, dass in meinem Gegenüber Jesus Christus gegenwärtig ist, was mir die Nächstenliebe und -achtung erleichtert. Oder die Aufforderung Benedikts, auf die Jüngsten zu hören. Wenn ich das ernst nehme, gewinne ich eine andere Achtung gegenüber meinen Mitarbeitenden in der Seelsorge.
Sie machen einen sehr gelassenen und entspannten Eindruck. Das erwartet man von einem „geplagten“ Bischof eher nicht. Wie bewahren Sie sich diese Ruhe?
Wenn ich in Chur bin, versuche ich einen festen Rhythmus einzuhalten. Das scheint mir sehr wichtig. Zudem halte ich immer wieder inne und werde still. Dann überlege ich mir: Was ist jetzt eigentlich los? Was tust du hier? Ich lege mich auch nie schlafen, bevor ich nicht den vergangenen Tag überdacht habe. Was hast du heute gemacht? Was hätte anders rauskommen sollen? Und dann fasse ich meine Vorsätze für den nächsten Tag. All diese ruhigen Momente sind für mich notwendig, um nicht hektisch zu werden.
Wenn Sie wie im Märchen drei Wünsche offen hätten, was würden Sie sich wünschen?
Dass die Kirche den Glauben an Jesus Chris-tus immer mehr und immer glaubwürdiger lebt: in der Liturgie, in der Verkündigung und in der Diakonie. Ich wünsche mir, dass das alles zu einer Einheit wird. Dann wünsche ich mir für die Menschen, die ich gerne habe, dass sie das erhalten, was ihnen am meisten fehlt. Und für mich selbst wünsche ich, gut zu sterben und ewig zu leben.
GESPRÄCH: THOMAS BINOTTO
Amédée Grab wurde am 3. Februar 1930 in Zürich geboren. Er wurde 1954 zum Priester geweiht und 1987 zum Weihbischof der Diözese Lausanne-Genf-Freiburg ernannt. Von 1995 bis 1998 war er deren Bischof. 1998 wurde er zum Bischof von Chur gewählt. Amédée Grab war von 1998 bis Ende 2006 Präsident der SBK.