SOS Narrenschiff
„Tschuldigung!“ geht schnell, ist meist nicht mehr als ein Reflex, der uns kaum Überlegung kostet. Entschuldigungen sind Alltagsgeschäft und lassen sich normalerweise in einem Atemzug erledigen.
Am leichtesten entschuldigen wir uns für Dinge, die andere getan haben, und am liebsten für Vorfahren, die schon lange tot sind. Verantwortung übernehmen wir auch mit links, am grossartigsten, wenn das Äusserste an Konsequenz darin besteht, eben diesen Satz „Ich übernehme die Verantwortung“ aufzusagen. Pauschalentschuldigungen ohne Gewähr sind derart beliebt, dass der Philosoph Hermann Lübbe ihnen eigens ein Buch gewidmet hat.
Etwas anders sieht es aus, wenn der öffentliche Bussakt dem privaten Trauerspiel weicht. Vor zehn Tagen war es bei mir wieder einmal so weit: Ich hatte Mist gebaut, und mein persönlicher EQ (Entschuldigungs-Quotient) wurde auf die Probe gestellt. Jetzt war mehr als ein „Tschuldigung“ von Nöten.
Aber eine ernst gemeinte Entschuldigung ist nicht leicht. Sie soll nicht leichtfertig hingeworfen werden, womöglich mit einem lauen Witzchen garniert. Sie soll aber auch nicht pompös daherkommen, so dass man vor lauter Blumenstrauss das Bedauern nicht mehr spürt. Weiter hüte man sich davor, sich selbst so lange mildernde Umstände zu gewähren, bis man als Unschuldslamm da steht. Schliesslich zerfliesse der Sünder niemals in Selbstmitleid. Es gehört sich nicht, dass der Verletzte am Schluss jenen trösten muss, der ihn verletzt hat, nur weil der an seiner Entschuldigung so furchtbar leidet.
Vor allem aber bin ich einmal mehr über unseren Sprachgebrauch gestolpert: „Ich entschuldige mich“ – da stimmt schon die erste Kurve nicht. Richtig gefahren heisst es: „Ich bitte um Entschuldigung.“
Wer um Entschuldigung bittet, der liefert sich aus, gibt seine Autonomie und Selbstherrlichkeit preis. Er muss machtlos darauf hoffen, dass seine Bitte auf offene Ohren und einen guten Willen stösst. Entschuldigung können wir uns nicht selbst zusprechen, sie muss uns geschenkt werden.
Vielleicht deshalb ist das Entschuldigungs-Sonderangebot der Kirche, auch Sakrament der Versöhnung genannt, gar nicht so begehrt, wie man es eigentlich annehmen müsste. Es setzt nämlich die Einsicht voraus, dass wir uns nicht selbst entschuldigen können, und den Glauben, dass wir uns einem Gott ausliefern, der es gut mit uns meint, all dem Mist, den wir bauen, zum Trotz.
Eintrag ins Logbuch: Wer um Entschuldigung bittet, geht ein Risiko ein – muss dafür aber nicht alles alleine machen.
* Das Buch von Hermann Lübbe heisst „Ich entschuldige mich“ und ist im Berliner Taschenbuchverlag erschienen.
THOMAS BINOTTO