Liebe Leserin, Lieber Leser
Steil windet sich die Strasse durchs Maggiatal zum Bergdorf Mogno, über dem an diesem Frühlingsmorgen ungestörte Ruhe liegt. Zwischen traditionell aus grob behauenem Naturstein gebauten Häusern führen enge Pfade, schneebedeckt noch, hinauf zur Kirche: Modern, gewagt und doch archaisch steht sie da, ein horizontal gestreifter Ovalzylinder aus Granit und weissem Marmor, der sich zum kreisrunden, nach Westen abgeschrägten Glasdach mit Lebensbaum-Motiv weitet.
Im Kircheninnern umfangen ein Spiel von Licht und Formen den Besucher und eine Stille, die den Alltag vergessen lässt.
Mit der Kirche in Mogno, einer Art „Neuinterpretation“ romanischer Architektur, hat Mario Botta Anfang der neunziger Jahre seine Liebe zum Sakralbau entdeckt – und inzwischen mehr Gotteshäuser gebaut als jeder seiner Zeitgenossen.
Einen Sakralbau zu entwerfen und zu realisieren, war immer eine der grössten Herausforderungen für einen Architekten. Über Zweckerfüllung und rein formal-ästhetische Ansprüche hinaus eine räumliche Atmosphäre zu schaffen, in der sich Spiritualität entfalten kann, erfordert gestalterische Sicherheit und Einfühlungsvermögen in liturgische und gesellschaftliche Zusammenhänge.
Allen Säkularisierungstendenzen zum Trotz erlebte der Kirchenbau in den letzten Jahrzehnten eine eigentliche Renaissance. Für viele Architekten ist er zur Wunschaufgabe geworden und offensichtlich entspricht er einem wachsenden
gesellschaftlichen Bedürfnis. In einer Zeit, die vorwiegend von ökonomischen Interessen und Lust an der Unterhaltung geprägt scheint, sind Kirchen und Kapellen oft die einzigen alternativen Orte: Häuser der Stille, der Meditation und der
Freiheit.
Mit unverwechselbarer Handschrift hat Mario Botta Räume spiritueller Erfahrung geschaffen, die losgelöst sind von einem Glaubensbekenntnis. Im Zusammenhang mit der Kapelle am Monte Tamaro meinte er denn auch: „Wer in diesen Raum eintritt, wird seinen Gott finden.“
PIA STADLER