Heimat ist dort, wo wir noch nie waren
Heimat – was ist das? Heimat – wo ist das? Heimat – wer ist das?
Ich denke bei Heimat an Erlebnisse und Begebenheiten. An etwas, was passiert ist. An Ereignisse, und zwar an die, die mich gepackt, bewegt, geprägt haben. Das, was geschehen ist und für mich Bedeutung hatte, das ist Heimat.
Ich denke bei Heimat an Orte. Orte, wo ich mich wohl gefühlt habe. Orte, an denen ich mich immer und immer wieder aufgehalten habe, die mir ans Herz gewachsen sind. Orte, die mir vertraut sind, das ist Heimat.
Ich denke bei Heimat an Menschen. Menschen, die mir wichtig sind. Menschen, die ich mag, die ich gern habe, die ich liebe. Menschen, die Bedeutung für mein Leben haben, das ist Heimat.
Natürlich ist Heimat noch viel mehr: Geräusche und Klänge, Gerüche und Gefühle, Haut und Haar, Gras und Ufer. Oder um es mit Worten von Hanns Dieter Hüsch zu sagen: „Heimat ist Sprechen und Singen, Essen und Trinken, Denken und Fühlen.“ Was ist Heimat für Sie?
Eigenartigerweise verbinden wir Heimat in aller Regel mit Vergangenheit und allenfalls noch mit ein bisschen Gegenwart: Heimat ist die Wurzel, aus der unser Leben wächst, und Heimatgefühle erleben wir dann, wenn uns unsere Verbundenheit mit diesen Wurzeln im Einzelfall bewusst wird.
Anders im „Heimatlied“ von Patent Ochsner: „Myni Heimat isch dert, won I no nie bi gsi.“
Was ist das für eine Heimat?
Patent Ochsner mögen mir die Assoziation verzeihen, aber ich musste an ein altes Kirchenlied denken: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh’ mit mancherlei Beschwerden der ew’gen Heimat zu.“
Darin finde ich die Gemeinsamkeit dieser Lieder: Heimat ist nicht ein Ort, ein Mensch, ein Ereignis aus der Vergangenheit – und unsere Erinnerung daran in diesem Augenblick. Sondern Heimat ist ein Ort, ein Ereignis, ein Mensch in der Zukunft – und vielleicht unsere Hoffnung darauf in diesem Augenblick.
Das ist durchaus ein urchristlicher Gedanke. Die frühen Christen lebten sehr in dem Bewusstsein, dass jede irdische Heimat nur vorläufig ist; die eigentliche Heimat ist der Himmel. Diese Überzeugung half ihnen durch „mancherlei Beschwerden“ hindurch, unter anderem durch die Zeiten der Christenverfolgung.
Aber so himmlisch müssen wir das gar nicht betrachten. Spinnen wir den Gedanken weiter, dass Heimat ein Zukunftsprojekt sein kann, und zwar ein sehr irdisches. Heimat ist nicht das, was heute von gestern in uns bleibt. Sondern Heimat ist ein Zukunftsprojekt, das von morgen her unser Heute beeinflusst.
„I gah druus, wenn I drinne bi & wenn I duss bi, gahn I dry.“
Diese Zerrissenheit, dieses Unbehagen, welche sich im angesprochenen Gefühl ausdrücken, sind das Ergebnis von Heimat, wenn sie eben reine Erinnerung an Vergangenes bedeutet. „Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“, heisst es in einem Lied von Wolf Biermann aus den Zeiten eines geteilten Deutschlands. Da wird mehr beschrieben als ein Politikum, das sich aus den Folgen des Zweiten Weltkrieges ergab. Das ist eine zutiefst menschliche Befindlichkeit: Wir fühlen uns nie ganz heimisch da, wo wir gerade sind.
Denn Heimat ist immer auch im Werden, ein Zukunftsprojekt, eine Herausforderung.
Das ist nicht zuletzt ein österlicher Gedanke. Das wahre Leben meint nicht einfach eine Erinnerung an das alte, sondern einen Neuaufbruch, eine Auferstehung. Und als solche bleibt es Zukunftsprojekt. Und das enthält schliesslich einen hochaktuellen politischen Gedanken. Wenn wir erleben, wie viele Menschen ihre Heimat verloren haben, weil sie von dort flüchten mussten – vor Krieg, Verfolgung, Gewalt, Armut –, dann könnte ein „Zukunftsprojekt Heimat“ eine grundlegende Hoffnung darauf sein, dass ihnen ihre Heimat vielleicht doch nicht endgültig verloren gegangen ist. Ob für solche Menschen dieses Zukunftsprojekt gelingt, hängt allerdings durchaus von uns ab. Ob wir bereit sind, dieses Projekt zu unterstützen und das Unsere beizutragen. Denn die Heimat von uns allen ist dort, wo wir noch nie gewesen sind.
INGO BÄCKER