Erfahrungen verarbeiten
„Wenn du eine schwerwiegende Erfahrung gemacht hast, können andere Menschen in der Regel nicht nachvollziehen, was du erlebst. Du fühlst dich unverstanden oder musst jedes Mal weit ausholen, um dich zu erklären.“ Anna (Name von der Redaktion geändert) weiss, wovon sie spricht. Sie war über längere Zeit in einer religiösen Gruppierung, die stark vereinnahmende Züge hatte. Anna hat dort viel von ihrer inneren und äusseren Freiheit aufgegeben. Auf einem langen Weg konnte sie sich von dieser Gruppierung lösen – und ist dankbar, dass sie nun in der Gesprächsgruppe „Neue religiöse Bewegungen“ Menschen findet, die von „innen her mitfühlen“, wie sie sagt. „Es ist eine wahnsinnige Hilfe, Menschen um sich zu haben, die sofort erfassen, um was es geht, wenn man ein bestimmtes Problem anspricht. Sie gehen darauf ein, haben Lösungsansätze, und ich profitiere auch von ihren Erfahrungen.“
Seit über 20 Jahren trifft sich bei der Jugendseelsorge Zürich viermal jährlich die Gesprächsgruppe für Angehörige und Betroffene aus Sekten und anderen religiösen oder weltanschaulichen Sondergruppen. Die Gruppe wird von zwei Mitarbeitern der Jugendseelsorge Zürich begleitet: Norbert Hänsli ist Psychologe und Theologe, Ronald Jenny Sozialpädagoge HFS. „Seit Bestehen der Jugendseelsorge Zürich hat diese einen Auftrag für Sektenberatungen“, erklärt Norbert Hänsli. „Damals waren neue Jugendreligionen stark im Aufschwung.“ Inzwischen würden religiöse Splittergruppen weniger offen werben, dafür sehr subtil agieren. „Die zunehmende Zersplitterung und Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft lässt Sekten und vereinnahmende Gruppen verstärkt auf dem Markt der Lebensberatung und Sinnsuche aktiv werden“, weiss Hänsli.
Ursprünglich waren in der Gesprächsgruppe „Neue religiöse Bewegungen“ Eltern, deren Kinder sich einer religiösen Sondergruppe zugewandt hatten. Inzwischen gehören der Gruppe Grosseltern oder Partnerinnen und Partner Betroffener an, aber auch, wie Anna, Betroffene selber, die daran sind, aus einer Gruppe auszusteigen oder die den Ausstieg geschafft haben, ihn aber gut verarbeiten wollen.
„Unsere Gespräche sind sehr persönlich und vertrauensvoll“, führt Hänsli aus. Daten und Ort der Treffen sind nicht öffentlich, ebenso werden keine Namen von Teilnehmenden bekannt gemacht, um sie vor Bedrängungen der Gruppierungen zu schützen. Wer sich der geleiteten Selbsthilfegruppe anschliessen möchte, kann sich bei der Jugendseelsorge melden. Ein erstes Einzelgespräch zeigt, ob eine persönliche Begleitung oder die Teilnahme in der Gruppe hilfreicher ist. „Wir wollen die Teilnehmenden in ihrer eigenen Position stärken“, umreisst Hänsli die Ziele der Gespräche. „Die Leute werden darin unterstützt, den Kontakt zu ihren betroffenen Angehörigen möglichst nicht abzubrechen, wenn sie das selber auch wollen. Sektenangehörige schotten sich in der Regel stark ab. Wenn die Türe trotz allem offen bleibt, ist die Chance grösser, dass sie bei Fragen oder Zweifel zurückkommen.“
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER