Eine zweite Chance für die Schöpfung
Die Geschichte von Noach und seiner Arche kennt fast jedes Kind, obwohl sie alles andere als kindergerecht ist: Gott ärgerte sich über die Gewalttätigkeit der von ihm geschaffenen Lebewesen, besonders der Menschen, und beschloss, sie zu vernichten. Nur Noach, der gerechte und untadelige Mann, der seinen Weg mit Gott ging, fand Gnade in den Augen des Herrn. Er bekam den Auftrag, die Arche, eine Art grosses, schwimmfähiges Haus zu bauen. Nachdem er, seine Söhne und die Ehefrauen sowie von allen – auch den „unreinen“ – Tieren ein Paar die Arche bestiegen hatten, schloss der Herr die Türe hinter ihnen und öffnete die „Quellen der Urflut“. Im Grunde machte er damit die Schöpfung rückgängig, denn biblisch gesehen bedeutet Schöpfung nicht die Erschaffung des Kosmos aus dem Nichts, sondern die Bändigung der Urflut, des Tohuwabohu, auf dass die Erde ein lebensfreundlicher Ort werde.
Als hätte Gott nie „es werde Licht“ gesprochen, regnete es vierzig Tage lang, und alles Leben ertrank in der grossen Flut: „Alles, was auf der Erde durch die Nase Lebensgeist atmete, kam um.“ Hundertfünfzig Tage mussten die Überlebenden in der Arche ausharren, bis das Wasser abgelaufen war. Nachdem sie wieder festen Boden unter den Füssen hatten, schloss Gott einen Bund mit ihnen und versprach, nie wieder alle Lebewesen auszurotten. Der Regenbogen wurde zum Bundeszeichen: „Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen.“
An diesem Bund bewegt mich besonders, dass Gott ihn über Noach mit der ganzen Schöpfung schliesst: „Ich schliesse meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes.“ Noach ist der Vermittler zwischen Gott und der Tierwelt: Im Auftrag Gottes rettet er wenigs-tens einen Rest der Tiere, und stellvertretend für alle nimmt er das Versprechen des Bundes entgegen.
Die Geschichte von der verheerenden Flut wurde damals im ganzen Vorderen Orient erzählt, auch im viel älteren Gilgamesch-Epos. Doch die Bibel gibt der alten Sage ihr eigenes Gepräge: Während im Gilgamesch-Epos der eine Gott für die Bewahrung und ein anderer für die Vernichtung des Lebens zuständig war, ist der Zwiespalt in der Noach-Geschichte in Gott hineinverlegt, der zugleich Zorn und Reue empfindet und Leben aufblühen lässt und bricht.
Ebenfalls neu in der Bibel ist die Verknüpfung der Flut mit menschlicher Schuld, während sie im Gilgamesch-Epos blosser göttlicher Willkür entspringt. Die „Sintflut“ dagegen ist die Strafe für moralisches Versagen, und letztlich ist es das Wohlverhalten Noachs, das den Rest der Schöpfung rettet. Noach steht dafür, wie der Mensch in der Schöpfungsordnung gemeint wäre: als Stellvertreter und Verantwortungsträger für alle Lebewesen.
Als alles vorbei war, wurde Noach Bauer und legte einen Weinberg an. Nur wusste er offenbar noch nicht, dass aus Traubensaft Wein wird. Vielleicht aber wusste er es auch und suchte den Rausch, weil die Erde noch immer kein Paradies war. Jedenfalls fand ihn sein Sohn Ham nackt und sturzbetrunken in seinem Zelt. Er konnte diese Peinlichkeit nicht für sich behalten und stellte seinen Vater vor seinen Brüdern bloss. Noach verfluchte Ham; so war auch er nicht nur der „Erbe der Gerechtigkeit“, als den ihn der Hebräerbrief im Neuen Testament preist, sondern fügte der langen Kette menschlicher Schuld selber auch ein Glied an.
GISELA TSCHUDI