Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 8, 2006 Leidenschaftlich für die Farbe
Begegnung

Leidenschaftlich für die Farbe

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„Ich bin ein Farbenmensch“, sagt die Zuger Künstlerin Maria Hafner. Aus ihrem Bilderzyklus „Nichts als das Ganze“ stammen die forum-Festbilder dieses Kirchenjahres. Ein Ateliergespräch über Energieträger, Lebenswege und prägende Begegnungen.

Ein altes, einfaches Haus am Fusse des Zugerberges inmitten eines grossen Gartens, im Dachgeschoss ein verwinkelter Raum mit Blick auf den Pilatus, hin zu den Berner Alpen und über den Zugersee. In der Mitte dominierend ein Tisch mit unzähligen Farbtuben und Pinseln, farbbekleckste Zeitungen, eine Staffelei, an den Wänden Bilder – gerahmt und ungerahmt, aufgezogen oder als Leinwand von der Decke hängend. In der Ecke unter der Dachschräge ein Bett. Darauf weitere Gemälde. „Hier habe ich als Kind geschlafen“, erklärt Maria Hafner und rückt vorsichtig die letzten Arbeiten zu einem Schmetterlings-zyklus zurecht.
Gross und schlank, mit ausdrucksstarker Gestik strahlt sie Vitalität und Lebensfreude aus. Ob es das Strahlen ihrer Augen ist, das sie weit jünger als ihre 83 Jahre scheinen lässt, oder das Wissen um ihre ungebrochene Schaffenskraft? Maria Hafner lacht. „Die Malerei gibt mir weit mehr Energie, als sie verbraucht. Farben sind Energieträger, die sich mit dem geistigen Inhalt eines Werkes verbinden.“ Ihre Bilder sind denn auch von expressiver Farbkraft und einem ausgreifenden Pinselstrich, der die Form durchbricht, wo sie einzuengen droht. Maria Hafner möchte ihre Werke jedoch keineswegs als reine Farbkompositionen verstanden wissen: „Farben sind ausfliessende Emotionen, die von der Form gehalten werden müssen, um sich nicht zu verlieren. Mein Ziel ist es, mit angedeuteten Formen
und ausdrucksstarken Farben existentielle menschliche Erfahrungen darzustellen. Durch die Materie soll das Geistige durchscheinen.“ Damit dies gelingen kann, ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema unabdingbar. Maria Hafner nennt es die subjektive Annäherung an ein Objekt, Kommunikation, eine „Begegnung“.

MALEN – EIN PROZESS
Den Akt des Malens beschreibt Maria Hafner so: „Malen – unterwegs sein, sich auf einen Prozess einlassen. Beginnen wie ein Kind. Arglos, mit Freude, mit Lust. Offen für Überraschungen. Hindernisse tauchen auf. Ein Zuviel an Überlegen, das Leistenwollen, das Machen. Das kritische Denken der Erwachsenen. Die Farben werden trüb, verdichten sich im Stumpf-Materiellen. Die starken überfahren die zarten. Die Formen bekommen aggressive Tendenzen oder schrumpfen kraftlos zusammen.
Atempause, Malpause. Untätig sitze ich vor dem Chaos auf der Leinwand. Ernüchtert. Oder sogar ein bisschen zornig? Dann versuche ich, aus Distanz hinzusehen. Ich werde still, kehre ein bei mir selber, in den inneren Raum des Wartens, der Leere. Vielleicht kommt die erste, die ursprüngliche Inspiration zurück? Sie liess mich blitzartig das andere sehen, das Eigentliche, das Bewegende. Sie riss mich aus dem Gewohnten heraus: beim Anschauen eines menschlichen Gesichts, beim Auftauchen einer Vorstellung, beim Erinnern an eine Begegnung, an Töne, Musik. Leben war da.
Langsam nehme ich den Pinsel wieder auf, der vor mir liegt, tupfe ihn in die Farbe. Mein Bild ist voller Beginn, mit neuen Möglichkeiten. Erst jetzt nehme ich sie wahr, da ich bei mir selber bin. Verbunden mit dem ersten Impuls. Behutsam nähere ich mich meinem angefangenen Bild. Es hat seine Eigengesetzlichkeit; es will wachsen. Ich mache mich auf den Weg zusammen mit meinem Bild.“ Unterwegs sein, sagt Maria Hafner, sei für sie ein Gleichnis. Auch für ihr Leben.

DIE ANFÄNGE
Aufgewachsen in einem ökumenisch geprägten, geistig anregenden Elternhaus, kam Maria Hafner früh mit Kunst und Kultur in Kontakt. Mehr aufgrund äusserer Beeinflussung als aus innerer Überzeugung begann sie nach der Matura, Germanistik und Logopädie zu studieren. Ein schwelender Konflikt zwischen intellektuellem Studium und der Neigung zu kreativer Tätigkeit jedoch führte nach wenigen Semestern in eine Krankheit. „Das Verdrängen der emotionalen und gestalterischen Kräfte brachte mich in wegloses Grenzland, wo ich die Lebensfreude meiner Jugendzeit verlor“, erinnert sich Maria Hafner. Zunehmend stärker jedoch wurde in der Stille und Untätigkeit der Drang zu Malen. „Damals habe ich gelernt, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen.“
Die wiedererwachende Lebenskraft wollte sich in immer strahlenderen Farben Ausdruck verschaffen. Noch im Bett begann Maria Hafner zu zeichnen. Daneben blieb Zeit genug, biblische Texte zu lesen und in ihnen die starken Urbilder von menschlichem Unterwegssein und Suchen zu entdecken, die sie später immer wieder zu neuen Arbeiten inspirieren sollten. Fast unmerklich hatte sich durch Lektüre, Reflexion und persönliches Erleben in dieser Zeit das Gottesbild gewandelt: „Vom gekreuzigten Christus fand ich zum Gott des Lebens, der Freude und der Auferstehung. Ich spürte, wie ich aus meinem Gefangensein hinausgeführt wurde durch die Berührung einer unsichtbaren Macht, die mich liebte. Es entstand die Beziehung zu einem Gott, der für mich da war, ganz verborgen. Diese Erfahrung half mir, bewusst in ein neu geschenktes Leben hineinzuwachsen, auf einen neuen Weg, der sich vor mir auftat.“
Dieser Weg führte Maria Hafner im Alter von 40 Jahren zuerst an die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern und zu Studienaufenthalten in London, den USA, Israel und Palästina. Seit 1970 lebt sie als freischaffende Künstlerin in Zug.

DAS SCHWEBENDE, OFFENE
Schuf Maria Hafner anfänglich überwiegend Aquarelle, suchte ihre malerische Kraft bald nach stärkeren Ausdrucksformen, die sie in Öl und Acryl auf Leinwand fand. In meditativer Annäherung an biblische Geschichten, in Auseinandersetzung mit spirituellen Texten und naturwissenschaftlichen Schriften sowie aus Anregungen auf Reisen und Lebenserfahrung entstanden im Laufe von beinahe 40 Schaffensjahren Einzelbilder und Bildreihen zu Gestalten wie Therese von Lisieux, Maria von Magdala, Verena, Veronika und Elias sowie zu Themen wie dem Hohen Lied, dem Kreuzweg oder ägyptischen Jenseitsvorstellungen.
Ein Werk trug jeweils den Keim des nächs-ten in sich. Fast unmerklich führte ihr Schaffen zu einer zunehmenden Reduktion des Figürlichen. Ihre Malerei entfernte sich vom eher Narrativen; verpflichtete sich mehr dem Andeuten als dem Festlegen. „Ich will das Schwebende, Offene, das Fliessende in meinen Bildern ausdrücken, nicht das Feste.“ Bild-serien befriedigten das Bedürfnis, ein Thema
in unterschiedlichen Schritten auszufalten. Maria Hafner: „Sie ermöglichen mir, den Prozess von Veränderung sichtbar zu machen. An den Wegen, die menschliches Leben bestimmen, kann ich solche Wandlungen am deutlichsten ablesen. Es bewegt mich nicht so sehr das Gradlinige, Unproblematische, sondern vor allem die Krümmungen, die Abbrüche, Sackgassen, der Stillstand und Neuanfänge. Äussere Wegstationen scheinen oft einem bestimmten Abschnitt in der inneren Landschaft zu entsprechen.“ Verborgene Dimensionen sichtbar machen, das will Maria Hafner mit ihren Bildern. Und Lebensfreude vermitteln, ein vorbehaltloses Ja zum Dasein.
Diese Liebe zum Leben weitergeben möchte Maria Hafner auch in ihren Bildmeditationen und Malkursen. Die Resonanz auf ihre Bilder erfährt sie als besonderes Geschenk.
Resonanz, ein Begriff, der für Maria Hafner auch in musikalischer Hinsicht wichtig ist. Musik, sagt sie, sei ihr eine grosse Anregung durch die ihr eigene Poesie und die Verbindung von Geist und Sinnlichkeit. Wiederholt hatte sie deshalb die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Joseph Röösli, Carl Rütti  und Matthias Müller gesucht. Poesie erstrebt Maria Hafner auch in den ihre Bilder begleitenden Texten, die vorwiegend aus ihrer eigenen Feder stammen.

BEZIEHUNGSGEFÜGE
Eine nachhaltige Inspiration für Maria Hafners jüngstes Schaffen war die Begegnung mit dem Werk des Theologen und Naturwissenschafters Pierre Teilhard de Chardin. „Die Lektüre seines Buches ‚Herz der Materie‘ weitete meine Weltsicht, sprach an, was ich als Ahnung längst in mir trug: dass durch die Materie stets das Geistige, die göttliche Energie durchscheint.“ Als Antwort auf Teilhard de Chardins Vorstellung von der Evolution als einem Weg aus der Materie, durch die Welt des Lebendigen, in die Weite des Geistes, immer auf der Suche nach Vollendung in der Liebe entstand der Bildzyklus „Nichts als das Ganze“. Ausgehend von der sichtbaren Welt wollte Maria Hafner das Beziehungsgefüge des Gesehenen aufspüren; gestalterisch die Kontraste als Spannungselemente wahrnehmen und sie in ein Ganzes zusammenfügen.

„Das Herz der Materie ist der göttliche Funke, der das Leben trägt“, sagt Maria Hafner jetzt in ihrem Atelier mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die viel gelesen, aber auch viel durchlebt hat. In elitäres Denken abzugleiten, liegt ihr fern. Zu stark ist sie im Alltag verwurzelt. „Der Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Religionen, Kulturen und Lebensumständen weckte in mir ein immer grösser werdendes Interesse an existentiellen Fragen des Lebens“, erklärt die Malerin. „Bei allem selbstkritischen Bemühen um gestalterische Ehrlichkeit geht es mir nicht nur um Ästhetik, sondern auch um den Ausdruck eines inneren Angerührtwerdens.“
Einen Wegprozess sichtbar machen wollen auch Maria Hafners aktuelle Arbeiten: Beobachtungen im eigenen Garten, das Nachhallen von Teilhard de Chardin finden Ausdruck in der 18-teiligen Bildserie „Öffne deine Flügel“, welche in eine Geschichte verwoben die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling zeigt. Ein Spiegel menschlicher Entwicklung, ein spiritueller Weg, eine Auferstehungsgeschichte sei es, sagt Maria Hafner. Auch die Geschichte einer persönlichen Passion? „Der Schmetterling ist ein tiefgründiges Symbol“, meint Maria Hafner nachdenklich. Mehr will sie in Worten nicht preisgeben. „Das, was mich erfüllt, als Vision einer Ganzheit des Lebens, als Hoffnung auf gegenseitiges Verstehen, als mögliche Verbindung von Himmel und Erde – das soll in meinen Bildern leben, sich andeuten, ausfalten, auf den Betrachter übergehen …“

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Maria Hafner: "Ich habe gelernt, meine Gefühle ernst zu nehmen". FOTO: CHRISTOPH WIDER
Werke

Die Werke von Maria Hafner sind sowohl als Kunst am Bau (Entwürfe für Wandteppiche und Glasscheiben) als auch in Ausstellungen zu sehen.
Erschienen sind zudem verschiedene Bücher, Bildmappen, Broschüren und Kunstkarten.

Eine Auswahl:
„Nichts als das Ganze“. Bilder und Texte zu „Herz der Materie“ von Pierre Teilhard de Chardin. Rex Verlag 2005.
„Vierzehn Stationen der Kraft“. Meditationen am Kreuzweg. Rex Verlag 2004.
„Weg in Bildern. 1988–1993“. Monographie. Kalt-Zehnder Verlag 1993.
„Verena die Quelle, Band I und II“. Bildmappen. Kalt-Zehnder Verlag 1995              Â