Ein gesegnetes Leben
Es ist eigentlich kaum zu glauben: Ausgerechnet Jakob, den man nicht ganz zu Unrecht „Betrüger“ nannte, wurde von Gott zu einem der grossen Stammväter Israels berufen, in einer Reihe genannt mit Abraham und Isaak. „Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde“, hat ihm Gott im Traum der Himmelsleiter verheissen. Und: „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst.“
Dabei ist der Empfänger dieser Worte gerade auf der Flucht vor seinem aufgebrachten Bruder Esau. Und dieser hat weiss Gott allen Grund, wütend zu sein. Zuerst hatte ihm Jakob für ein lächerliches Linsengericht das Erstgeburtsrecht abgekauft, und dann hat er ihn auch noch, angestiftet von seiner Mutter Rebekka, mit einem fiesen Trick um den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak gebracht. Doch so sehr sich Esau auch ärgerte, die Sache war unwiderruflich: Jakob und mit ihm seine Nachkommen wurden die Träger von Abrahams Segen.
Wie fruchtbar dieser Segen war, erfuhr Jakob in Haran, wo er bei Laban, dem Bruder seiner Mutter, erst einmal während sieben Jahren für die Hand der schönen Rahel diente. Am Morgen nach der wohlverdienten Hochzeitsnacht musste er aber feststellen, dass auch andere das betrügerische Handwerk beherrschten: Sein Schwiegervater hatte ihm im Rausch erst einmal die ältere Tochter Lea untergejubelt. Nach der obligaten Brautwoche durfte Jakob zwar endlich auch die geliebte Rahel zu sich nehmen, musste dafür aber noch einmal sieben Jahre abverdienen. Die Geduld sollte sich dennoch lohnen. Die beiden Frauen schenkten ihm unter „Mithilfe“ ihrer Mägde Bilha und Silpa jene zwölf Söhne, die später die zwölf Stämme Israels begründeten.
Wir können uns fragen, was diesen Jakob zu einer derart faszinierenden Persönlichkeit macht. Ruhmreiche Schlachten hat er keine geschlagen und auch Wundertaten sind von ihm nicht überliefert. Das Bild, das uns die jüdische Geschichtsschreibung von ihm zeichnet, scheint weitgehend frei von verklärender Schönfärberei. Jakob wird zwar als untadeliger Mann eingeführt, ist aber auch ein Betrüger. Er ist ein reich beschenkter Vater und betrügt seinen Schwiegervater um die Viehherden. Fast kläglich mutet sein Versuch an, das Wohlwollen seines Bruders mit Geschenken zurückzukaufen. Er ist der trauernde Vater, der verzweifelt seinen Benjamin vor Gefahren schützen möchte. Und er ist der weinende Vater, der nach Jahren seinen tot geglaubten Sohn Josef wieder glücklich in die Arme nimmt.
In Jakob begegnet uns ein Mensch, mit dem wir uns in all seinen Gefühlen und Leidenschaften identifizieren können. Er ist nicht ein Mann Gottes, weil er besonders heiligmässig gelebt hat, sondern weil Gott es so gewollt hat. Jakob hat stets das getan, was er gerade für richtig hielt. Und dies noch auf dem Sterbebett, wo er seinen Erstgeborenensegen entgegen der Tradition dem jüngeren Enkel Ephraim gab. Gott hat wohl mehr als nur das eine Mal am Fluss Jabbok mit dem eigenwilligen Jakob gekämpft. Aber Jakob hat bis zum Schluss nicht losgelassen. Und Gott hat ihn dafür reich gesegnet.
BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER AKI