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Lehrstellenkrise

Lehrstellen statt grosse Leere!

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Sollen sich die Kirchen für junge Menschen ohne Lehrstelle engagieren? Unbedingt, meint Lehrlingsseelsorger Urs Solèr. Wenn Kirchgemeinden Lehrstellen oder Praktikumsplätze anbieten, sei das Jugendkirche ganz konkret.

Als Lehrlingsseelsorger hat Urs Solèr auch mit Jugendlichen auf Lehrstellensuche zu tun, zum Beispiel mit A., der nach 251 Bewerbungen noch immer ohne Ausbildungsplatz dasteht. „Was ist das für ein Zugang zur Arbeitswelt?“, beklagt sich Solèr. „Das löscht einem jungen Menschen doch ab, weil er zu spüren bekommt, es braucht mich gar nicht, ich bin nicht gefragt.“ In der Tat ist der Lehrstellenmangel im Kanton Zürich nach wie vor ein gravierendes Problem. Gemäss kantonaler Bildungsstatistik sind bis Ende Februar im Lehrstellennachweis 8932 Stellen für Lehrbeginn 2006 gemeldet worden, wovon momentan noch 1685 oder 19% offen sind. Ein Jahr zuvor waren zum selben Zeitpunkt 8790 Stellen gemeldet und davon 1815 oder 21% noch offen. Trotz einer Zunahme an Ausbildungsplätzen sind zurzeit also deutlich weniger Lehrstellen offen als im Vorjahr, ein Zeichen für den anhaltenden Nachfragedruck. Bestätigt wird dieser Eindruck durch die von Jahr zu Jahr steigende Anzahl an Jugendlichen, welche die Veranstaltung „Keine Lehrstelle, was tun“ besuchen. Dieses Meeting wird vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich gegen Ende des Schuljahres angeboten und erfahrungsgemäss von den meisten Schülern besucht, die noch keine Anschlusslösung haben. Nahmen im Jahr 2003 375 Jugendliche daran teil, waren es 2004 bereits 443 und im Juni des vergangenen Jahres gar 658.
Was tun, wenn man keine Lehrstelle findet? „Man kann ein Brückenjahr machen“, erklärt Urs Solèr, „das 10. Schuljahr besuchen oder ein Praktikum absolvieren – es gibt diverse Angebote und doch gibt es Schulabgänger, die haben nichts, auch keine Zwischenlösung.“ Das aber bedeute dann, keine Aufgabe, und keine Tagesstruktur zu haben, und zu welchen sozialen Problemen das unter gewissen Umständen führe, könne man sich leicht vorstellen.

DAS LEHRVERBUND-SYSTEM
Dass es so nicht weitergehen kann, darüber war man sich bei der kabel (kirchliche Anlauf- und Beratungsstelle für Lehrlingsfragen) bald einig, und so tauchte die Idee auf, dass vielleicht auch Kirchgemeinden freie Kapazitäten hätten, im kaufmännischen Bereich beispielsweise oder bei Hauswartsarbeiten. Solèr erinnert sich: „Zuerst dachten wir daran, einen ökumenischen Berufslehrverbund zu gründen. Doch als wir mit dem Berufslehr-Verbund Zürich in Kontakt kamen, war uns sogleich bewusst, dass es viel einfacher und effizienter ist, wenn wir uns hier anschliessen und von den bereits bestehenden Infrastrukturen Gebrauch machen.“ Der Berufslehr-Verbund Zürich (BVZ) schafft seit 1999 im Verbundsystem Lehrstellen, um möglichst viele neue Lehrplätze zu eröffnen. Er bietet Lehrbetrieben, die zu klein sind, um die Lernziele einer drei- oder vierjährigen Lehre zu erreichen, durch das Verbundsystem eine Alternative. „Die Jugendlichen sind jeweils für ein Jahr in einem Betrieb und wechseln dann in eine andere Ausbildungsstätte“, erläutert Beatrice Rota vom BVZ. „So machen sie verschiedene Erfahrungen und lernen ganz unterschiedliche Betriebe kennen. Das fördert die Flexibilität, die ja gerade im kaufmännischen Bereich sehr gefragt ist.“ Gearbeitet wird 60 Prozent, zwei Tage pro Woche sind die Lehrlinge in der Schule. Auch die Römisch-katholische Zentralkommission des Kantons Zürich ist Mitglied des BVZ und bietet zwei Ausbildungsplätze an. Ihrem Beispiel sollen möglichst viele Zürcher Kirchgemeinden folgen. Zu diesem Zweck nimmt Urs Solèr Kontakt mit den Kirchenpflegen und Pfarrämtern auf. Der Informationsbedarf sei gross und es brauche enorm viel Überzeugungsarbeit. „Viele Pfarrer und Gemeindeleitende befürchten, dass mit einer Lehrlingsbetreuung noch mehr Arbeit und Verantwortung auf sie zukommt.“ Dabei ist, was die Ausbildung der Lehrlinge betrifft, nicht der Gemeindeleitende verantwortlich, sondern der Berufslehr-Verbund, der den Lehrmeister, oder Berufsbildner, wie man heute sagt, stellt. Auch die Lehrverträge und die Lohnauszahlung laufen über den Verbund.

AUCH FÜR DIE PFARREIEN EIN GEWINN
Urs Solèr besucht auch Dekanatsversammlungen und Pastoralkreise, um das Projekt vorzustellen. „Die Reaktionen sind immer sehr positiv. Alle finden es eine tolle Idee, wo man endlich mal konkret etwas für die Jugendlichen machen könne.“ Trotzdem harzt es noch mit Zusagen. Bis anhin beschäftigen erst zwei Stadtzürcher Kirchgemeinden Lernende in Zusammenarbeit mit dem BVZ: St. Felix und Regula sowie Maria Lourdes. Wo liegen die Bedenken? Beatrice Rota: „Manchmal geht es um die Kosten, dann wieder wird der Aufwand für zu gross eingeschätzt. Oft aber wird das Traktandum von einer Sitzung auf die nächste verschoben, bis die Sache schliesslich im Sand verläuft.“ 1250 Franken pro Monat muss eine Kirchgemeinde monatlich pro Lehrling aufwenden für den Lohn, die Berufsschule und den Beitrag an den BVZ für die Lehrlingsbetreuung. Dazu Rota: „Dies sind Kosten, die man sieht. Wenn ein Betrieb selber Lehrlinge ausbildet, dann wird der Aufwand an Zeit, der mit der Betreuung verbunden ist, meist nicht mitberechnet. Würde er mitberechnet, so würde man sehen, dass die Variante Berufslehr-Verbund die weitaus günstigere ist.“
Darüber hinaus sind Solèr wie Rota überzeugt, dass beide Seiten profitieren, sowohl die Lernenden als auch die Pfarreien. Eine Pfarreisekretärin, die einem Lehrling ihr Know-how weitergibt, wird mit den neusten Dingen konfrontiert, die momentan im kaufmännischen Bereich aktuell sind. Gleiches gilt für die Betriebspraktiker. Ein Hauswart lernt zum Beispiel die neusten Putztechniken kennen. Die Ausbildner werden gecoacht und können Weiterbildungskurse besuchen. „Damit gibt man Mitarbeitenden eine Anerkennung und so auch neue Motivation“, ist Solèr überzeugt und er fügt an: „Eine Pfarrei profitiert schon deshalb viel, weil die Mitarbeitenden ganz direkt mit der Lebenswelt von Jugendlichen in Berührung kommen und wieder einmal sehen, was junge Menschen heute interessiert und beschäftigt. Der Kirche wird ja oft vorgehalten, sie sei viel zu wenig am Puls der Zeit.“
Lehrlinge, die vom BVZ vermittelt werden, haben bereits ein 10. Schuljahr hinter sich, sind also schulisch weiter und auch persönlich etwas reifer. Rota: „Wir geben denjenigen eine Chance, die bereits einmal keine Lehrstelle gefunden haben. Die sind dann meist so dankbar, dass sie einen unglaublichen Einsatz leisten.“

STEIGENDE ANSPRÜCHE
Und wie sieht die Zukunft aus? „In der Berufsbildungslandschaft müsste sich einiges verändern,“ meint Solèr, „denn schulisch schwache Jugendliche haben heute praktisch keine Chancen. Für sie ist einfach nirgendwo mehr Platz. Früher gab es noch viele Fabriken, wo auch Leute mit einem kleineren schulischen Rucksack Arbeit fanden. Diese Fabriken stehen heute in Billiglohnländern.“ Nebst schulischen Leistungen müsste es mehr andere Qualifikationsmöglichkeiten geben. Alle beruflichen Grundausbildungen seien in den Ansprüchen sehr gestiegen, der schulische Anteil sei gewachsen. Und Rota doppelt nach: „Mit der Abschaffung der Bürolehre fielen auch im KVBereich Stellen weg, die für schwächere Schüler geeignet waren. Das jetzige B-Profil des KVs ist viel anspruchsvoller. Auch die traditionelle Anlehre gibt es praktisch nicht mehr. Jetzt heisst das Attestausbildung, dauert zwei Jahre, und es muss ebenfalls mehr geleistet werden.“ Beide äussern die Hoffnung, dass sich in zwei, drei Jahren der Rückgang an Schulabgängern bemerkbar machen und sich die Situation auf dem Lehrstellenmarkt deshalb entspannen werde. Denn es gebe wohl kaum etwas Schlimmeres für junge Menschen, als keine Aufgabe, kein Ziel und keine Perspektive zu haben. Jugendliche, die „abgestürzt“ sind, wieder aus dem Sumpf zu holen und neu zu motivieren, sei sehr schwierig. Wer nach der Schulzeit ein, zwei Jahre einfach rumgehangen habe, finde den Anschluss an die Berufswelt nur unter erschwerten Bedingungen mit Unterstützung von Fachstellen und mit grossem persönlichen Einsatz.

JUDITH HARDEGGER

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Urs Solèr und Beatrice Rota. FOTO: CHRISTOPH WIDER
Unterstützung bei der Lehrstellensuche

www.lehrlinge.ch

Kirchliche Beratungsstelle für Lehrlingsfragen.

www.berufslehrverbund.ch

Homepage des Berufslehr-Verbunds Zürich


www.lena.zh.ch

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www.berufsberatung.zh.ch

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www.jugendseelsorge.ch

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