Keine Sekunde Langeweile
forum: Hans-Peter von Däniken, Sie haben vor etwas mehr als einem Jahr im Alter von 50 Jahren nochmals etwas ganz Neues gewagt. Sie haben sich aus dem Feuilleton-Journalismus verabschiedet und die Direktion einer Bildungsinstitution übernommen. Wie oft haben Sie diesen Schritt schon bereut?
Hans-Peter von Däniken: Noch keine Sekunde! Ich habe mir von dieser Stelle neue Aufgaben und Herausforderungen gewünscht – und die habe ich auch gekriegt. Als Direktor der Paulus-Akademie bewege ich mich in einem vielfältigen Spektrum. Natürlich geht es primär um Konzeptuelles und Inhaltliches, aber mich beschäftigen auch Personalfragen, der Hotelbetrieb, bauliche Probleme, und auch die Standortfrage muss geklärt werden – es gibt keine langweiligen Tage. Im Gegenteil: Ich kämpfe eher mit Zeitnot, weil gewisse Aufgaben allzu kurz kommen.
Also kein beschauliches Dasein im Vergleich zum Produktionsstress bei einer Tageszeitung?
Der Stress, verursacht durch den täglichen Redaktionsschluss, hat sicher abgenommen, aber dafür warten jetzt jeden Tag zwanzig verschiedene Aufgaben. Dazu kommen viele Abendveranstaltungen und auch die meisten Sitzungen finden abends statt – beschaulich ist es wirklich nicht geworden. Aber das will ich auch gar nicht. Es stimuliert mich, wenn viele Leute im Haus sind. Wenn es dagegen in Ferienzeiten ruhiger wird, werde ich unruhig. Von meiner Zeitungsarbeit her bringe ich sicher etwas Ungeduldiges und manchmal sogar Hektisches mit und ich muss aufpassen, dass ich mein Umfeld nicht überfordere.
Als Journalist waren Sie gewohnt, sehr schnell auf Themen zu reagieren. Ist das auch in der Paulus-Akademie notwendig?
Sicher müssen auch wir auf gewisse Themen möglichst aktuell reagieren, das erfordern ganz einfach die Gesetzmässigkeiten unserer Mediengesellschaft. Über den Karikaturenstreit können wir nicht ein Jahr später eine Tagung machen, zumindest dürfte es schwierig werden, dann dafür Publikum zu mobilisieren. Um aktueller zu werden, müssen wir auch andere Formen pflegen,das Podiumsgespräch ist nicht die einzige mögliche Form. Dennoch ist mir gerade als ehemaligem Journalisten bewusst, dass wir mit den Medien nicht in Konkurrenz treten können. Unsere Aufgabe ist es, einen anderen Vertiefungsgrad zu erreichen, und das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Dafür braucht es nach wie vor Gefässe, die nicht nur auf den schnellen mündlichen Dialog setzen. Als es kürzlich um das Thema „Jugendarbeitslosigkeit“ ging, wurde mir versichert, eine Veranstaltung dazu dürfe auf keinen Fall länger als einen halben Tag dauern. Das hat mich schon erstaunt und irritiert. Natürlich will ich auch Leute ansprechen, die nicht länger als drei Stunden Zeit haben; gleichzeitig wollen wir nicht auf mehrtägige Veranstaltungen verzichten. Wegen des Vertiefungsgrades, aber auch, weil ich die konkrete menschliche Begegnung für etwas sehr Zentrales halte. Manchmal ist vielleicht ein Mittagessen nachhaltiger als ein Referat. Nur noch Kurzformen zu pflegen, wäre deshalb falsch.
Ebenso wichtig wie eine Nase für brennende Themen ist ein gutes Netzwerk. Da können wir selbstverständlich auf der bisherigen Arbeit aufbauen. Nehmen wir nochmals den Karikaturenstreit: Im interreligiösen Dialog hat sich die Paulus-Akademie schon zu einer Zeit engagiert, als das Verhältnis zwischen Christentum und Islam noch nicht täglich für Schlagzeilen gesorgt hat. In jenen Bereichen, welche die Paulus- Akademie seit Jahrzehnten bearbeitet, ist ein dichtes Netzwerk vorhanden, mit dem wir arbeiten und das wir weiter ergänzen. Schwieriger wird es in Bereichen, wo wir neue Schwerpunkte setzen wollen, bei- spielsweise im Studienbereich „Generationenfragen und Arbeitswelt“. Deshalb haben wir bei der Stellenbesetzung darauf geachtet, eine Person zu wählen, die bereits ein Netzwerk mitbringt.
Die Zeiten, wo man schon vor Erscheinen des Programms wusste, dass man auf jeden Fall eine oder sogar mehrere Veranstaltungen der Paulus-Akademie besuchen würde, sind aber vorbei.
Die Gewohnheiten haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Wir bewegen uns heute in einem Freizeitmarkt mit einem ungeheuren Angebot. Das katholische Stamm-Milieu, auf das Sie ansprechen, gibt es praktisch nicht mehr. Wir müssen deshalb für jeden Anlass unser Publikum neu werben und gewinnen. Das ist eine schwierige Situation, zumal wir über bescheidene Ressourcen und Möglichkeiten im Marketingbereich verfügen. Zuversichtlich stimmt mich allerdings, dass die Paulus-Akademie selbst ausserhalb des Kantons und ausserhalb katholischer Kreise immer noch ein Begriff ist. Auf diesem guten Namen, den sich die Akademie unter meinem Vorgänger gemacht hat, müssen wir aufbauen. Und wir werden neu für den Marketingbereich jemanden einstellen, der mit unseren Mitteln professioneller und effizienter umgeht.
Steht der Akademie in der Öffentlichkeit das Etikett „katholisch“ im Wege – oder ist es sogar förderlich?
Ich stelle fest, dass selbst katholische Kirchgemeinden oft nur noch eine vage Vorstellung von uns haben. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass Studierende an der Uni Zürich, denen ich die Paulus-Akademie vorstellte, es fragwürdig fanden, die Bezeichung „katholisch“ auf unseren Programmen nicht zu führen. Aufgrund dieser Erfahrungen bin ich überzeugt, dass wir uns wieder sichtbarer im katholischen Umfeld verankern müssen. Damit meine ich nicht, dass wir dogmatisch werden sollten, wir sind kein Sprachrohr der katholischen Kirche. Aber wenn die Kirchen überleben wollen – und damit meine ich nicht nur die katholische Kirche –, dann müssen sie zu ihren Werten und ihrer Herkunft stehen. In unserer Gesellschaft gibt es sehr viele Menschen, die nach Orientierung suchen und denen die komplette Individualisierung zunehmend zur Belastung wird. Die Paulus-Akademie will christliche Werte vertreten, diese kritisch-konstruktiv reflektieren und sich im ökumenischen Geist offen und tolerant für eine gerechte multireligiöse Gesellschaft engagieren.
Zu Ihrem Publikum gehören auch kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das sind im Kanton Zürich nicht wenige …
… die wir aber nur schwer erreichen. Es ist ausserordentlich schwierig, kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Veranstaltungen zu mobilisieren. Das mag damit zusammenhängen, dass in der katholischen Kirche Weiterbildung nicht als verpflichtend wahrgenommen wird. Sicher spielen auch Stress, Personal- und Zeitknappheit eine Rolle. Trotzdem müssen wir weiter nach Wegen suchen, auch dieses Publikum wieder vermehrt anzusprechen. Damit dies gelingt, braucht es aber die Zusammenarbeit über die Region hinaus, beispielsweise mit den Hochschulen in Chur, Luzern oder Freiburg.
Schon seit Jahren wird über einen neuen Standort für die Paulus-Akademie spekuliert. Wie sieht der Stand der Dinge aus?
Das Limmathaus, das im Moment zur Debatte steht, ist ein ideales neues Haus für die Paulus-Akademie. Erstens überzeugt es wegen seines sehr zentralen Standorts, gerade mal fünf bis zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Unsere heutige Lage in Witikon behindert in verschiedenerlei Hinsicht den Betrieb, für Abendveranstaltungen sind wir einfach zu weit weg. Zweitens bietet das Limmathaus eine räumliche Flexibilität, die für einen multifunktionalen Tagungsbetrieb wesentlich besser ist, als was die Paulus- Akademie heute bietet. In Witikon sind wir nicht mehr konkurrenzfähig. Und drittens ist das Limmathaus finanziell interessant, weil es ein Mietobjekt ist und daher wesentlich kleinere Investitionen nötig sind, als es beispielsweise beim Volkshaus in Winterthur der Fall war.
Zurzeit sind wir in Verhandlungen mit der Limmathaus-Genossenschaft, der Besitzerin der Liegenschaft, die uns gerne als zukünftige Mieter haben möchte. Leider hat der heutige Mieter einen Vertrag, der zwar 2007 ausläuft, aber bis 2012 verlängert werden kann. Und so, wie es momentan aussieht, wird er diese Option wahrnehmen. Im äussersten Fall könnten wir also erst 2012 mit dem Umbau beginnen. Wir müssen uns jetzt klar werden, mit welcher Strategie wir diese Übergangszeit gestalten.
Spardruck und Bündelung der Kräfte sind zwei Schlagworte, die der Paulus-Akademie gefährlich werden könnten. Weshalb kann die katholische Kirche im Kanton Zürich auf die Paulus-Akademie nicht verzichten?
Bei uns kommen viele Menschen mit der Kirche in Berührung, die sonst nichts mit ihr zu tun haben. Über die Beschäftigung mit ethischen Fragen und Werten kommen wir also mit Menschen in Kontakt, welche die Kirche sonst nicht mehr erreicht. Ausserdem hat das Grundanliegen der Paulus-Akademie nichts an Notwendigkeit eingebüsst: Wir wollen eine Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft sein. Wir wollen den Raum schaffen, wo die Kirche Positionen und Meinungen aus der Gesellschaft prüfen kann und wo sie gleichzeitig die Möglichkeit hat, christliche Werte zu vermitteln und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Solche Schnittstellen sind heute selten geworden – erst recht müssen wir sie deshalb pflegen.
INTERVIEW: THOMAS BINOTTO