Wem wenig vergeben wird, der liebt wenig
In der letzten Szene des zweiten Teils von Goethes Faust singt die „Magna Peccatrix“, die grosse Sünderin: „Bei der Liebe, die den Füssen deines gottverklärten Sohnes Tränen liess zum Balsam fliessen trotz des Pharisäerhohnes; beim Gefässe, das reichlich tropfte Wohlgeruch hernieder; bei den Locken, die so weichlich trockneten die heiligen Glieder“. Goethe zitiert hier eine der schönsten Szenen des Neuen Testamentes: Eine namenlose Frau salbt Jesus kurz vor seinem Tod. Alle vier Evangelisten nehmen diese Erzählung auf, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Markus und Matthäus verlegen die Szene in das Haus Simons des Aussätzigen, und die Frau giesst das kostbare Öl auf Jesu Haupt. Demgegenüber spielt sich bei Johannes das Ganze im Hause der Schwestern Maria und Martha ab, wobei Maria diejenige ist, die Jesus salbt. Bei Johannes wie auch bei Lukas handelt es sich um eine Salbung der Füsse, nicht des Hauptes. Und nur Lukas nennt die Frau eine „Sünderin“ und siedelt das Geschehen im Haus eines Pharisäers an.
Die lukanische Version der Geschichte gleicht in vielem einer ebenfalls sehr berührenden neutestamentlichen Szene, der Heilung der blutflüssigen Frau. Auch diese Frau hat keinen Namen, auch sie ist eine in der (Männer-)Gesellschaft Geächtete und Ausgeschlossene, dennoch bringt auch sie den Mut auf, „von hinten“ an Jesus heranzutreten und ihn zu berühren. Beide Frauen haben von Jesus gehört und setzen alle ihre Hoffnung und ihr ganzes Vertrauen auf ihn. Und in beiden Fällen verteidigt Jesus das Vorgehen der Frauen.
Dem Christentum wird immer wieder Leibfeindlichkeit nachgesagt, doch auf Jesus kann man sich dabei nicht berufen, wie die Salbungsszene bei Lukas zeigt: eine durch und durch intime Angelegenheit. Es braucht nicht viel Fantasie, um die erotische Note wahrzunehmen, die ein solches Salben und Küssen der Füsse umgibt. Der Gastgeber Simon spricht nur aus, was alle denken: Einer, der sich von einer Hure in aller Öffentlichkeit anfassen lässt, soll ein Prophet sein und uns von Gott erzählen? Und wie so oft kontert Jesus nicht mit einer Grundsatzbelehrung, sondern mit einem Gleichnis, dessen einfache Pointe lautet: Wem die grössere Schuld erlassen wird, der ist dankbarer und liebt deshalb mehr als der, dem weniger erlassen wird. Das wird dem Pharisäer wohl eingeleuchtet haben. Was er allerdings weniger gern gehört haben dürfte, ist die Anwendung dieser Parabel auf ihn selber. „Siehst du diese Frau?“, fragt ihn Jesus. Mit andern Worten: Jesus hält dem Pharisäer in dieser Frau, in einer Prostituierten, den Spiegel vor. Und er will sagen:
Niemand kann von sich behaupten, sein Leben sei heil, die Frau nicht und du nicht. Nur, die Frau gesteht es sich ein, du hingegen nicht. Gut möglich, dass die Frau unter ihrem Beruf gelitten hat, unter der Isolierung, der Verachtung durch die Frauen und der Doppelmoral der Männer. Prostitution war in den Städten des Römischen Reiches allgegenwärtig. Witwen, die kein Vermögen hatten, waren nicht selten gezwungen, sich zu prostituieren. Man kann also die Tränen der Hoffnungslosigkeit dieser Frau verstehen.
Simon aber ist ein ehrenwerter Mensch. Ein Pharisäer, einer, der die Gesetze hält und Gott ehrt. Doch gerade hinter glatten Fassaden verbergen sich oft ungeahnte Abgründe. Jesus will Simon klar machen, dass beides nötig ist: Man muss die eigenen Schattenseiten kennen und dem vertrauen, der sie heilen kann. Wer wenig von sich weiss, dem wird wenig vergeben, der liebt wenig und vor allem, der lebt wenig. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Ermutigung.
JUDITH HARDEGGER