Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 6, 2006 Was ist eigentlich Kult(us)?
Kult

Was ist eigentlich Kult(us)?

Artikelaktionen
Kulte haben eine wichtige Funktion für den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Kulthandlungen wie Prozessionen, Gesang, Tanz oder kultisches Essen stärken die Gemeinschaft genauso wie Übergangsriten bei Geburt, Erwachsenwerden, Ehe oder Tod.

Der Begriff „Kult“ leitet sich vom lateinischen „cultus“ = Pflege, Anbau ab. Im religiösen Sinn verstehen wir unter Kult Handlungen, die Menschen ausführen, um mit einer Gottheit in Verbindung zu treten. Der religiöse Kult ist die praktisch gelebte Frömmigkeit. Er ist durch Traditionen beziehungsweise durch die religiöse Gesetzgebung genau festgelegt: Bestimmte Riten sind an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten, von bestimmten dazu bemächtigten Personen auszuführen. Dabei gehören Opfer zu den häufigsten Kulthandlungen. Es gab und gibt in der Menschheitsgeschichte rund um den Globus kaum eine Religion, in welcher das Opfer nicht eine zentrale Rolle spielt. Das Kultopfer bedeutet die Hingabe von Gütern an eine als überirdisch empfundene Macht, sei das Gott oder seien das Naturgeister oder Ahnen. Je nach Anlass kann es sich um Sühne-, Bitt-, Dank-, Lob- oder Reinigungsopfer handeln. Auch im Christentum spielt der Opfergedanke bis heute eine Rolle, in der Eucharistie, im Märtyrertum, in Wallfahrten, Kirchenspenden oder Gelübden.
Da religiöse Kulte ganz genau festgelegt sind, können sie die Gefahr laufen, mechanisiert und veräusserlicht zu werden. Dessen waren sich schon die alttestamentlichen Propheten bewusst, die in ihrer Kultkritik darauf hinwiesen, dass das Erbarmen mit dem Mitmenschen Herzstück des Kultes sein sollte. Den bloss äusserlichen Frömmigkeitsübungen stellten die Propheten des 7. und 8. vorchristlichen Jahrhunderts die Forderung entgegen, Gott aufrichtig zu dienen. „Eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören. Lasst lieber das Recht strömen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie einen immer fliessenden Bach!“, heisst es im Buch Amos.
Wenn die Form der Riten plötzlich wichtiger wird als deren Inhalt, erstarrt Religion zu leerem Formalismus und vermag den Menschen keine Orientierung mehr zu geben. Neue Weltanschauungen und Riten gewinnen dann plötzlich an Bedeutung und lassen den tradierten Kult in den Hintergrund treten. Aus diesem Grund wird in der Mystik nach formloser, verinnerlichter Hinwendung zu Gott gesucht.

WELTLICHER KULT
Umgangssprachlich wird der Kultbegriff für jegliche Art von ritualisierten Handlungen verwendet. Wenn wir in der Alltagssprache von Kult reden, dann geht es um profane Dinge oder Personen, die extrem verehrt und in gewissem Sinn vergöttert werden. Verschiedene Kulturphänomene können in einem Anhängerkreis Kultstatus gewinnen, seien das Schauspieler, Autoren, Fernsehserien, Rockbands, Autos oder Markenartikel. Dabei werden nicht selten eigens Rituale der Verehrung kreiert. Die „Rocky Horror Picture Show“ wird von Fans in speziellen Filmvorführungen besucht, die von eigenen Zeremonien begleitet werden. „Star Trek“-Anhänger besuchen Zusammenkünfte in entsprechender Kostümierung, und für „Lord of the Ring“-Fanatiker gibt es Rollenspiele im Internet oder in privaten Spielgemeinden. Doch nicht nur Massenprodukte gewinnen Kultstatus. Viele Kultfilme und Kultbücher sprechen gerade eine Elite der Kinogänger oder Leser an.

WOZU KULT?
Menschen sind grundsätzlich religiöse Wesen, sie suchen nach einer Rückbindung an ein grösseres Ganzes. Menschen brauchen Sinnzusammenhänge, es drängt sie dazu, Erfahrungen zu deuten und Lebensrhythmen zu gestalten. Und weil das Leben immer auch bedroht ist, suchen Menschen nach einem Halt und Schutz, der über das hinausgeht, was die Welt bieten kann.
Dass es auch im profanen Bereich Kulte gibt, hat wohl damit zu tun, dass der Mensch ein Herdentier ist, dass er sich an dem orientiert, was die andern tun und was der Masse gefällt.

JUDITH HARDEGGER

Artikelaktionen