SOS Narrenschiff
Wie etwas Kult wird und weshalb, das lässt sich nicht beantworten. Weder sieht man einen Kult kommen, noch kann man ihn restlos erklären, wenn er da ist.
Einfacher ist es dagegen, das Ableben eines Kults zu diagnostizieren: Wenn Kindergärtner auf Kickboards unterwegs sind, dann ist es mit dem Kult aus. Wenn sich Grossmütter eine Freitag-Tasche umhängen; wenn mehr Snowboarder als Skifahrer die Pisten unsicher machen; wenn Millionäre die Werke von Joseph Beuys kaufen; wenn Ex-68er Bundesrat werden; wenn Bundesratsgattinnen ein Tattoo tragen; wenn Harald mit Waldi olympisch talkt; wenn sich Eltern Gangsta-Klamotten kaufen; wenn Sloterdjik über „Matrix“ schwadroniert, und wenn „The Life of Brian“ im Religionsunterricht gezeigt wird – dann hat es sich ausgekultet.
Der Kult um Che Guevara schwächelt schon lange, das endgültige Ende des Mythos hat nun ein Gewaltsplakat im Hauptbahnhof Zürich verkündet, das mit Che für den Aktienhandel einer Privatbank geworben hat. Der ihm zugeschriebene Ausspruch „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ als Weckruf für Kapitalisten – auch das ist ein Weg, einem Kult den Garaus zu machen. All diese Beispiele zeigen: Mit einem Kult geht es immer dann bergab, wenn er salonfähig wird, wenn man ihn zähmt, wenn er berechenbar wird, wenn ihn alle toll finden, wenn jene, die einem Kult anhängen, nicht mehr Spinner, sondern Trendsetter genannt werden.
Diese Beobachtungen gelten für Religionen genauso: Über den Glauben der alten Ägypter werden seit Ewigkeiten keine hitzigen Debatten mehr geführt. Die Kulte der Römer und Griechen werden nur noch von gesitteten Historikern exhumiert. Hier herrscht friedliche Eintracht, keine Verletzung religiöser Gefühle sind zu beklagen, kein Karikaturenstreit weit und breit.
Auf die katholische Kirche übertragen, muss das zu denken geben: Wann genau ihr goldenes Zeitalter anbrechen wird, kann niemand sagen. Wie es aussehen wird, erst recht nicht. Sehr genau lässt sich aber definieren, wann es mit ihr vorbei sein wird: Wenn alle die katholische Kirche mögen, wenn sie nur noch Freunde und keine Feinde mehr hat. Dann wird es keine Missverständnisse, Verunglimpfungen, Anfeindungen und Streitgespräche mehr geben. Sogar Karlheinz Deschner wird seine Kriminalgeschichte des Christentums zu den Akten legen. Und für Eugen Drewerman werden sich Erwägungen über einen Rücktritt vom Austritt erübrigen. Es werden endlich Ruhe und Eintracht herrschen – aber keine himmlische, sondern friedhöfliche, weil die katholische Kirche im Grab liegen und kein Hahn nach ihr krähen wird.
Eintrag ins Logbuch: Solange die katholische Kirche den Menschen auf den Geist geht, besteht wenigstens noch Hoffnung, sie auch zu begeistern.
THOMAS BINOTTO