Luxus Schönheit
forum: Frau Neuenschwander, was ist für Sie Schönheit?
Eva Neuenschwander: Schönheit ist mehrschichtig – mit einem objektiven und einem subjektiven Aspekt: Einerseits gibt es eine klar messbare Schönheit, deren Proportionen der goldene Schnitt widerspiegelt und die das menschliche Auge instinktiv als angenehm, harmonisch empfindet. Andererseits existiert eine persönlich empfundene Schönheit, die den Einzelnen anzieht und sich mit der klassischen Schönheit keineswegs decken muss. Diese „alltägliche“ Schönheit ist vorwiegend gebunden an die Ausstrahlung, das Wesen einer Person, eines Gegenstandes, eines Tieres oder einer Pflanze.
Schönheit existiert demnach als sowohl universelle Einheit und liegt auch „im Auge des Betrachters“.
Genau. Im Alltag liegt die Schönheit jedoch eher im Auge des Betrachters. Alles, was man mit Liebe ansieht, ist schön. Entscheidend ist die gesamte Erscheinung. Verhalten, Stimme, Mimik sind ebenso wichtig wie optische Äusserlichkeiten. Daher kann auch ein Mensch, der gemessen an den Kriterien des goldenen Schnittes nicht sehr vorteilhaft abschneidet, für mich wunderschön sein.
Inwieweit sind die Kriterien der Schönheit und unser Streben danach angeboren und inwieweit sind sie medial aufgezwungen?
Es ist eine Kombination. Jeder trägt in sich ein optimierendes Bild seiner selbst, das durch die Medien und den Zeitgeist beeinflusst ist. Nur ganz wenige Menschen übernehmen eins zu eins deren Vorgaben.
Als Ausdruck des Ausserordentlichen, das sich wie ein Wunder von der Unvollkommenheit abhebt, hat die Schönheit in jeder Zeit und jeder Kultur eine bedeutsame Rolle gespielt. Die Schönen waren seit jeher die Erwählten. Wie ist das zu erklären?
Das Seltene ist immer begehrenswert. Ein Mensch, der gross und schlank ist und ebenmässige Züge besitzt, ist genauso wie ein Diamant mit wenig Einschlüssen und von exquisiter Farbe.
Im Namen der Schönheit haben sich Menschen stets Narben zugeführt und ihren Körper zur Schau gestellt. In zunehmendem Masse jedoch hat die Schönheit in unserer Gesellschaft Kultstatus erreicht. Woher diese Entwicklung? Und wohin?
Dass die Schönheit bei uns Kultstatus erreichen konnte, liegt im Wohlstand begründet.
Anstatt auf die Jagd gehen zu müssen, kaufen wir unsere Nahrung im Lebensmittelgeschäft. Wir haben eine warme Wohnung und soziale Sicherheit. Ein bequemes Leben ist längst kein erstrebenswertes Ziel mehr. Da bleibt als einziger Luxus – und einzige Sorge – unsere Schönheit. Gerade bei Jugendlichen nimmt dieses Streben nach Schönheit ein besorgniserregendes Ausmass an. Wenn sich die Themen auf Pflege, Kleider, ein Fältchen hier und ein Pölsterchen da beschränken, ist die Frage berechtigt, wohin das noch führen mag. Die Schönheit zu ritualisieren und zu idealisieren, ist ungesund. Glücklicherweise jedoch verliert nur eine kleine Bevölkerungsgruppe das zuträgliche Mass.
Ist Schönheit zur Ersatzreligion, zur säkularisierten Religion geworden?
In gewissen Kreisen sicher. Ein Lebensinhalt, um den sich alles dreht.
Es kommt also je länger, je weniger auf die inneren Werte an?
Bei vielen Leuten leider ja. Gerade auch junge Frauen definieren sich zunehmend über ihren Körper. Interessant scheint für das Gegenüber dann nur, wer äusserlich perfekt ist. Im Vergleich zu Kleidung und Körper werden Persönlichkeit, Anmut, Geist, Erfahrung zweitrangig. Eine bedenkliche Entwicklung.
Wenn die Schönheit nicht mehr von innen kommt und die Schönheitsindustrie boomt: Ist damit auch die Schönheit ins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit gekommen und verliert dadurch ihr Geheimnis?
Schönheitschirurgie ist kein Zauberstab, unter dem schön wird, was immer er berührt. Plastische Chirurgie produziert keine Schönheit. Sie optimiert und akzentuiert das von der Natur Vorgegebene oder rekonstruiert, was durch einen Unfall oder eine Krankheit verloren ging. Sie setzt damit das Pünktchen auf das i bei Menschen, die grundsätzlich mit sich und ihrer Lebenssituation zufrieden sind und lediglich einen als störend empfundenen Makel beseitigt haben möchten; und sie verhilft entstellten Menschen zu neuer Lebensqualität.
Und doch verheisst die Schönheitschirurgie den perfekten, alterslosen Körper. Eine Voraussetzung der Schönheit aber ist die Unversehrtheit. Demnach ist der Begriff Schönheitschirurgie ein Widerspruch in sich, liegt es doch im Wesen der Chirurgie, dem Körper Narben zuzufügen.
Ästhetische Chirurgie ist immer ein Kompromiss, eine Frage der Güterabwägung. Was ist mir wichtiger: die hängende, leere Brust oder die Narbe? Die Beantwortung liegt bei jedem Einzelnen.
Der Körper verkümmert zur Ware, die der neuesten Mode angepasst sein soll. Worin besteht aber diese Ware? Wie stark kann ich mein Äusseres verändern und trotzdem „ich“ bleiben?
Körper und Person sind eine untrennbare Einheit. Änderungen müssen sich deshalb harmonisch ins Erscheinungsbild einfügen, natürlich und nicht „gemacht“ aussehen. „Rundum-Erneuerungen“ nach dem Vorbild amerikanischer Doku-Soaps lehne ich ab. Sie haben nichts mehr mit seriöser plastischer Chirurgie zu tun, sondern sind ein medialer Missbrauch von Menschen, die noch auf der Suche nach sich selbst sind. Diese Operationen sind ethisch nicht vertretbar. Es sind erstens viel zu umfangreiche Eingriffe, und zweitens wird ein psychologisches Problem nicht dadurch gelöst, dass einem Geist ein neuer Körper gegeben wird.
Verantwortungsvolle ästhetische Chirurgie will das Beste aus dem von der Natur gegebenen Körper herausholen und wägt Aufwand und Resultat sorgfältig gegeneinander ab. Ich operiere nur, wenn ich überzeugt bin, dass das Risiko, das jede Operation mit sich bringt, der finanzielle Einsatz und die Rekonvaleszenzzeit zum langfristigen Ergebnis in einem überzeugenden Verhältnis stehen. Nicht jedes Beratungsgespräch in meiner Praxis führt zu einem Eingriff. 20 bis 30 Prozent der Anfragen müssen wir ablehnen.
Gibt es Operationen, die Sie aus ethischen Gründen ablehnen?
Gewisse Eingriffe im Genitalbereich führe ich nicht aus. Und bei Minderjährigen operiere ich nur bei Missbildungen, die zu sozialem Druck führen und die Entwicklung behindern könnten.
Warum ringen Menschen darum, sich selbst zu entdecken, bemühen sich um seelische und geistige Selbstverwirklichung und investieren gleichzeitig so viel Zeit und Energie in den Kampf, ihr Äusseres dem Klischee „jung, schlank, makellos“ anzunähern?
Diesen Widerspruch empfinde ich auch als eigenartig. Doch ich denke, alle Menschen haben das Bedürfnis, schön zu sein, ungeachtet dessen, ob sie auch Selbstfindung anstreben. Dabei visieren jedoch nur wenige ein allgemeines Schönheitsideal an, sondern eher ein inneres Idealbild ihrer selbst.
Schönheit bedeutet für jeden etwas anderes.
In der von den Medien inszenierten Wirklichkeit ist Schönheit zur Norm geworden. Umfasst die menschliche Würde nicht auch das Recht auf Unvollkommenheit?
Doch, auf jeden Fall. Wahre Schönheit hat auch nichts mit Makellosigkeit zu tun. Ein faltenloses Porzellanpuppengesicht ist langweilig. Viele Menschen sind anziehend und fesselnd, ohne dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Sie werden interessant gerade durch ihre Unvollkommenheiten. Menschliche Schönheit ist eben mehr als Mass und Proportion. Sie wird lebendig durch das Selbstverständnis der Person, die sie trägt.
Wie finden Frau und Mann zu einer gelassenen Haltung gegen über dem Kult der Schönheit?
Durch ein gesundes Selbstvertrauen und eine innere Zufriedenheit, die geschaffen werden durch eine erfüllende Lebensaufgabe. Innere Werte und innere Grösse schaffen Distanz zu Äusserlichkeiten. Wer mit seiner Situation nicht zufrieden ist, läuft Gefahr, diese Unzufriedenheit auf körperliche Unperfektionen zu projizieren.
INTERVIEW: PIA STADLER