PR für Gott
Wenn die Gewalt von Katastrophen, Terroranschlägen oder Krieg Menschen verunsichert, kommt auch Gott schlecht weg. Solches geschehe, weil er ein unberechenbarer Gott der Strafe und der Vergeltung, des Zorn und der Vernichtung sei, wie es ja schon im Alten Testament stehe. Mir scheint, der Gott der hebräischen Bibel habe einen zu schlechten Ruf. Man verkennt die Absichten der biblischen Autoren, wenn man die Schatten- und Schlagseiten am Gottesbild so einseitig in den Vordergrund schiebt.
Gottesvorstellungen wurden und werden von Lebenserfahrungen geprägt, von lichtvollen und dunkeln, von erfreulichen und grausamen Erfahrungen. Das geschieht allen Menschen, die einen lebendigen und nicht einen festgefahrenen Glauben haben. Neue Erfahrungen können die Gottesvorstellung verändern. Das Gottesbild entwickelt sich. Düstere Erfahrungen, Enttäuschungen, Zweifel und negative Beeinflussung können das persönliche Gottesbild einseitig verdunkeln. Immer wieder gab es Menschen, die sich in besonderer Art mit Gott verbunden wussten und aus dieser Gottverbundenheit heraus falsche Vorstellungen von Gott zurechtrückten und, wenn nötig, sein schlechtes Image korrigierten. Auch die Bibel enthält solche Korrekturen, aber nicht in Form von theoretischen Überlegungen, sondern in Form von Bildern und Erzählungen, von Legenden und Mythen. In diesen Texten kommen zwar verdrehte Gottesvorstellungen vor, aber sie werden im Verlauf des Erzählens fast durchwegs korrigiert. Die erste Lesung des ersten Fastensonntags (Genesis 9,8–15) konfrontiert uns mit der abschliessenden positiven Pointe der Sintflutgeschichte. Daran erinnert auch ein Fenster in der Klosterkirche der Dominikanerinnen von Ilanz. Der Zürcher Künstler Max Rüedi, der in wenigen Wochen 81- jährig wird, hat es 1969 zusammen mit elf anderen lichtvollen Impulsen der biblischen Botschaft in eindrucksvoller Farbenpracht geschaffen. Es zeigt den Regenbogen am Ende der Sintfluterzählung (Gen 6–9). Diese berichtet kein historisches Ereignis, sondern geht Glaubensfragen nach, die durch Erfahrungen von Not, Bedrohung und Tod geprägt sind. Dabei bleiben zwar etliche Fragen offen, falsch empfundene Antworten werden aber korrigiert: Gott ist kein willkürlicher Vernichter des Lebens. Grösste Gefährdung geht nicht von ihm, sondern von Menschen aus, welche „die Erde mit Gewalttat erfüllen“. Jeder, der in unserer Zeit einigermassen bei Sinnen ist, weiss, wie Recht die Bibel da hat. Noch nie war die Bedrohung der Welt durch Menschen so gross wie heute: Die Umwelt wird vergiftet. Tierarten sterben aus. Gewalt und Gegengewalt bringen gottlose Vernichtung. In der Sintfluterzählung wird zwar mit der Vorstellung gespielt, dass Gott es sei, der die Erde zerstört, weil ihm die gewalttätigen Menschen nicht mehr gefallen und es ihn reut, dass er sie gemacht hat. Ist er also doch bloss der Vertreter von „Recht und Ordnung“, der hart durchgreift ohne Rücksicht auf Verluste?
Nein, eben nicht. Wer die Geschichte bis zum Ende liest, stellt fest, dass in Gen 9 eine solche Annahme korrigiert wird. Das geschieht in einem Bild. Gott ist in der Vorstellung damaliger Menschen mit einem Bogen bewaffnet, mit dem er Pfeile gegen politische und kosmische Feinde der gerechten Ordnung schiesst: gegen die Mächte des Chaos, gegen das Volk, das sich gottlos benimmt, und gegen Einzelne. Aber jetzt nimmt er dieses Tod bringende Instrument. Er zerstört es nicht, aber er verkehrt es ins Gegenteil: Er hängt den Kriegsbogen in die Wolken, so dass er nicht mehr auf die Erde zielt, und macht aus der Waffe, dem Zeichen der Vernichtung, einen farbenfrohen Regenbogen, den er zum Symbol seiner Verbundenheit mit allem, was lebt, erklärt. Er schliesst mit den Menschen und allen „lebendigen Wesen“ einen Bund, in dem er klar macht, dass er kein Gott der Gewalt, der Vergeltung und der Vernichtung ist, sondern ein Gott der Menschenfreundlichkeit, der Lebensbejahung und des Friedens. Und wann immer Menschen sich so benehmen, dass Gott nach menschlichem Ermessen zornig werden müsste, dass sich bei ihm ein Gewitter zusammen braut, wird der farbige Bogen am Himmel erscheinen und Gott an sein Versprechen erinnern, dass er sich unbedingt auf die Seite des Lebens gestellt hat. „Nie wieder soll die Erde vernichtet werden!“ An Gott soll es nicht liegen. Er wird niemals die Ursache der Vernichtung sein.
Niemals haben Menschen einen Grund, es Gott in die Schuhe zu schieben, wenn die Erde langsam, aber sicher kaputt gemacht wird, wenn immer mehr Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen vernichtet werden. Niemals haben Menschen einen Grund, Gott zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie sich gegenseitig mit totaler Vernichtung bedrohen. Niemals haben Menschen einen Grund, Gott verantwortlich zu machen, wenn sie sich das Leben gegenseitig schwer und unerträglich machen.
Der „Himmelsbogen“, wie ihn die Franzosen nennen, verweist mit seinem farbigen Glanz auf die geheimnisvolle Herrlichkeit Gottes und auf einen umfassenden Frieden. Max Rüedis Regenbogen erinnert jeden Tag daran, auch wenn kein Gewitter vorüber zieht.
WALTER ACHERMANN