Liebe Leserin, Lieber Leser
Menschenrechte werden proklamiert und eingefordert – zu Recht! Vor allem aber muss man mit Menschenrechten eines tun: sie gewähren! Sich über die Verletzung von Menschenrechten zu empören, ist eines – aber es bleibt leere Phrase, wenn man nicht selbst die Rechte anderer Menschen anerkennt. Das klingt selbstverständlich und nahe liegend. Aber gerade weil es nahe liegt, wird es oft übersehen. Menschenrechte werden gerne global proklamiert, die praktische Durchsetzung jedoch nicht selten delegiert. Aber anderen Menschen Recht geben, sie nicht verletzen, sie würdigen und achten – das beginnt in meiner unmittelbaren Umgebung. Ja, Menschenrechte zu gewähren, ist tatsächlich nahe liegend, so nahe, dass es dafür weder Abkürzungen noch Ausflüchte gibt. Keine Massenkundgebung kann mir die alltägliche Menschenrechtsarbeit am Nächsten abnehmen.
Manchmal entsteht der Eindruck, als seien die Menschenrechte eine Erfindung der Aufklärung, zu der sich allmählich auch die katholische Kirche durchgerungen hat. In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Was Jesus proklamiert, eingefordert und gewährt hat, waren Menschenrechte in ihrer umfassendsten und fundamentalsten Form. Nur hat er es anders genannt, nämlich Nächstenliebe. Das ist nicht nur poetischer und konkreter als das abstrakte „Menschenrechte“, es ist auch herausfordernder, weil es schon als Wort ganz nah an uns herantritt. Vor der Nächstenliebe kann man sich nicht drücken, sie lässt sich nicht delegieren, und jeder weiss genau, was damit gemeint ist. Wer mit „Nächstenliebe“ Wortklauberei betreibt, wird sofort unglaubwürdig. So klar leuchtet nur schon dieses Wort, dass jedes Versteckspiel unmöglich wird.
Das „Fastenopfer“ ist aus Nächstenliebe entstanden – deshalb fordert es auch Menschenrechte ein – in der berechtigten Hoffnung, dass daraus wieder Nächstenliebe wird.
THOMAS BINOTTO