Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 5, 2006 Am Anfang der Zerstörungskette
Menschen der Bibel: zum Beispiel Kain und Abel

Am Anfang der Zerstörungskette

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Im vierten Kapitel der Bibel geschieht bereits der erste Mord: Kain erschlägt Abel, weil er es nicht erträgt, dass dessen Opfer von Gott angenommen wird und sein eigenes nicht. Es ist kein Konflikt unter Feinden, der hier blutig ausgetragen wird, sondern unter Brüdern. Das ist derart schockierend, dass die Motive, die Kain getrieben haben, bis heute tabuisiert werden. Es ist noch nicht lange her, da war das Wort „Neid“ selbst aus den Lexiken getilgt. Wohl kein anderes menschliches Gefühl wirkt derart zerstörerisch wie der Neid, keines ist so alltäglich und keines verdrängen wir ähnlich konsequent. Und dennoch kann man es für einmal ganz pauschal behaupten: Jeder Mensch ist neidisch! Deshalb ist es kein Zufall, dass die Geschichte von Kain und Abel ganz am Anfang der Bibel steht. Sie erinnert uns eindringlich daran, wozu Menschen – alle Menschen – fähig sind.
Dennoch behaupten nicht wenige mit Inbrunst von sich, gerade sie würden keine Neidgefühle kennen. Und genau darin wird das Teuflische des Neids sichtbar: Er kann sich als Virus unbemerkt einnisten. Je bereitwilliger wir glauben, davon nicht befallen zu sein, desto ungehinderter kann er sich ausbreiten. Kain hätte wohl nie eingestanden, neidisch zu sein. Er war von Gott ungerecht behandelt worden, das hatte seinen Zorn entfacht und ihn – zugegeben – zu einer unverzeihlichen Tat getrieben. Er hatte daran geglaubt, dass Gott allmächtig war, dass alles Wohl und Übel von Gott zugeteilt wurde und dass er jeden Menschen nach dem gleichen Massstab behandelte. Wenn sein Opfer also weniger erfolgreich war als jenes von Abel, dann konnte das nur heissen, dass er in Ungnade gefallen war. Und das war ungerecht, denn Kain liebte und ehrte Gott genauso sehr, wie das sein Bruder Abel tat.
Uns geht es genauso wie Kain: Anstatt zuzugeben: „Ich bin neidisch“, bevorzugen wir die Klage: „Das ist ungerecht.“ Wir fühlen uns schäbig und mies, wenn wir beim Neiden ertappt werden – und betreiben deshalb virtuos die Kaschierung und Verharmlosung. Natürlich kann Neid auch zum Ehrgeiz anstacheln. Allerdings ist das nur vorübergehend eine erfolgreiche Strategie, denn irgendwann steht uns immer irgendeiner vor der Sonne. Wenn wir den Neid nicht daran hindern, wird er deshalb früher oder später seine zerstörerische Wirkung entfalten. Wenn ich etwas nicht besitzen kann, dann soll es wenigstens auch der andere nicht haben – also wird es kaputtgemacht. Dafür muss man nicht zwangsläufig morden, manchmal reicht es schon, jemandem die Freude am Glück zu verderben.
Wie sehr wir uns vor der zerstörerischen Wirkung des Neids fürchten, zeigen unsere reflexhaften Strategien zur Neidverminderung: Die bewunderten Designerklamotten haben wir grundsätzlich im Ausverkauf erstanden. Und die allseits gelobten Kinder sind im trauten Familienkreis ganz schön anstrengend. Wir vermeiden es, unser Glück allzu offen zu zeigen, weil es uns sonst genommen werden könnte.
Was kann man gegen den Neid unternehmen? Zunächst und als wichtigste Massnahme überhaupt: ihn zugeben! Wer zu seinen grossen und kleinen, zu den gefährlichen und den harmlosen Neidgefühlen steht, der läuft weniger Gefahr, von ihnen ahnungslos manipuliert zu werden. Nur wer den Virus erkennt, kann ihn auch bekämpfen.
Die zweite Massnahme gegen den Neid ist noch unpopulärer: akzeptieren, dass das Leben ungerecht ist; dass es letztlich keine guten Gründe für den Erfolg des einen und den Misserfolg des anderen gibt; dass Glück und Unglück nicht Resultate einer Leistung sind. Vor allem aber erteilt uns die Geschichte von Kain und Abel die Lehre, dass sich Gott nicht auf unsere Massstäbe von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit festlegen lässt; dass „jedem dasselbe“ nicht gleichbedeutend ist mit „jedem das Richtige“.

THOMAS BINOTTO

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