Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Menschen der Bibel: zum Beispiel Pilatus

Was ist Wahrheit?

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Pontius Pilatus, welch ein schillernder Name! Wer kennt ihn nicht, diesen Gegenspieler Jesu in den Passionsgeschichten. „Bin ich denn ein Jude?“, klingt uns die scharfe Tenorstimme am Karfreitag in den Ohren. Nein, Pilatus ist Römer, und das macht den seltsamen Reiz dieses Mannes aus, der zur Zeit Jesu der römische Statthalter von Judäa war. Gar mancher sieht ihn vielleicht noch durch die Brille einer jugendlichen Begeisterung für das alte Rom, inspiriert durch die unvergesslichen Bilder von „Ben Hur“ und „Quo Vadis“. Unterstützt wird die leise Faszination durch den Umstand, dass die Evangelisten, abgesehen von der Passion, kein Interesse an der Person des Pilatus zeigten. Ausser der kurzen Erwähnung eines Massakers an Pilgern bei Lukas erfährt man nicht, was römische Autoren und die historische Forschung belegen: dass Pilatus ein juden- und menschenverachtender Despot war. Für die Evangelisten zählte nur seine Rolle im Prozess Jesu. Pilatus war der Mann, von dem alles abhing. Er allein hätte den Wahnsinn stoppen können. Doch er hat es nicht getan. Und bis heute scheint uns das irgendwie ein Rätsel. Deutlich spürt man bei ihm die Abscheu vor den Hohenpriestern und der aufgebrachten Masse. Fast kultiviert wirken seine Dialoge mit Jesus. Seine eigene Frau warnt ihn, dass dieser Jesus unschuldig sei. Und schliesslich bekennt er selber zweimal: „Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.“ Pilatus weiss, dass das, was die Ankläger sagen, nicht wahr ist. Und doch entscheidet er sich gegen Jesus. Warum?
Pilatus ist einer jener Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes alleine stehen. Irgendwo in der Mitte zwischen einem unterdrückten Volk, einem blinden Machtapparat und einer eifersüchtigen, auf jeden Fehler wartenden Konkurrenz in Rom, sucht er seinen Platz. Und in dieser Situation steht er Jesus gegenüber, der von sich behauptet, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Aber „was ist Wahrheit?“ Was für eine Wahrheit kann es geben für jemanden, der im Glauben lebt, alles alleine schaffen zu müssen? Nur die eigene. Und die heisst Überleben, koste es, was es wolle. An diesem Punkt wird uns der mächtige und doch so einsame Pilatus plötzlich ganz nahe. In einer Zeit, in der jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist, in der jede Wahrheit relativ wird, in der nur noch das wahr ist, was für den Einzelnen gerade stimmt, in einer solchen Zeit hat die Überlebensstrategie Marke „Pilatus“ Hochkonjunktur.
Wir finden sie überall da, wo Menschenrechte wirtschaftlichen Interessen geopfert werden. Wir finden sie da, wo Belästigungen weiblicher Mitarbeiterinnen mit Rücksicht auf das gute Betriebsklima „übersehen“ werden. Wir finden sie da, wo der Familienfrieden um keinen Preis wegen ein paar „harmlosen“ Berührungen eines lieben Onkels geopfert werden darf. Wir finden sie überall da, wo sich die Wahrheit dem Kalkül und der Angst beugen muss. Pilatus lebt und er ist uns vielleicht näher, als wir denken. Darum tun wir gut daran, uns immer wieder im Spiegel seiner Entscheidung anzuschauen.

BEAT ALTENBACH SJ,
HOCHSCHULSEELSORGER, AKI

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