SOS Narrenschiff
Sich-selbst-erfüllende Prophezeiung. Klingt kompliziert – ist aber ganz einfach: Wer lange und intensiv genug daran glaubt, dass ihm die Fahrprüfung misslingt, der wird belohnt werden und tatsächlich durchfallen. Diese Art von Prophezeiung ist heute die Lieblingsdisziplin im Propheten-Triathlon. Wer eh schon immer wusste, dass aus Kardinal Ratzinger nichts Anständiges wird, der veranstaltet Podien, um das grosse Lamento auf den Stillstand anzustimmen. Propheten lieben klare Fronten, und als Erste durchs Ziel laufen wollen sie ohnehin. Falsche Fragen zum falschen Zeitpunkt lauten deshalb: Mit Hans Küng reden – ist das schlecht? Dem Eros in einer Enzyklika seine Würde zurückgeben – verwerflich? Propheten denken nicht klein-klein, sondern langfristig, sind zäh, erbeten geduldig Sodom und Gomorrha. Das gilt genauso für jene Propheten, die den Triathlon vom anderen Ende her in Angriff nehmen. Auch sie haben Sitzleder. Irgendwann kommt der Untergang der katholischen Kirche schon noch, herbeigeführt durch naive Bischöfe, durch anmassende Laien, freche Journalisten, durch Verwässerung, Disziplinlosigkeit und das duale System in der Schweiz.
Sich-selbst-erfüllende Propheten können das Rennen nur gewinnen, wenn ihre Vorhersage eintrifft. Genugtuung findet der fromme Eiferer erst, wenn das Objekt seiner Begierde in Schutt und Asche liegt. Ob er sich selbst fortschrittlich oder romtreu nennt, ist dabei ganz und gar nebensächlich – er ist und bleibt ein Jonas, der stocksauer vor den Toren der Stadt hockt und mit Gott schmollt, weil dieser das angekündigte Programm ausfallen lässt und damit seinen Showmaster desavouiert. Propheten haben selten Humor und einen Gott, der keine Lust auf eine sichselbst- erfüllende Prophezeiung hat, den finden sie definitiv nicht erheiternd.
Eintrag ins Logbuch: Katastrophen haben offenbar auch ihre befriedigende Seite – sofern man ihr Prophet war.
THOMAS BINOTTO