Liebe Leserin, Lieber Leser
„Aufstehen, Strassenbahn, Büro, Essen, Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, immer derselbe Rhythmus“, so beschreibt Albert Camus den Mythos von Sisyphos. Das Leben wird immer schneller und hektischer. Sich im Berufsalltag gestresst zu fühlen, ist nicht nur salonfähig geworden, es gehört sich ganz einfach für den erfolgreichen Menschen, dass er eine halbe Ewigkeit in seiner Agenda blättern muss, bevor er einen freien Termin für einen Konzertbesuch findet. Kein Wunder, taucht in den Zeitschriften von Berufsverbänden, aber auch in Familienmagazinen und Gesundheitsratgebern ein Begriff je länger, je öfter auf: Burnout. Geprägt wurde dieser Ausdruck bereits in den siebziger Jahren vom New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger, der das schleichende „Ausbrennen“ von Menschen verschiedener Berufsgruppen untersuchte. Was mit hohen Idealen, mit Begeisterung und grossem Engagement beginnt, kann – wenn die eigenen Grenzen nicht wahrgenommen werden – in zunehmende Frustration bis hin zu Gefühlen der Überforderung münden. Und wenn diese zu lange andauern, dreht sich die Spirale von Stimmungsschwankungen, Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Verdauungsproblemen immer weiter. Wie es dazu kommt und wie aus einer solchen Krise auch wieder herausgefunden werden kann, darüber unterhielt sich das forum mit dem Psychiater Mario Etzensberger. Das Wichtigste sei, das richtige Mass und damit die richtige Balance von Arbeit und Erholung, von Stress und Entspannung zu finden. Klingt einfach. Aber in einer Gesellschaft, in der man sich vor allem über sein berufliches Leistungsvermögen definiert, kann das Masshalten zu einer grossen Herausforderung werden.
JUDITH HARDEGGER