Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 4, 2006 Fastenzeit kommt nach Fasnacht
Katholisches Fest zu entdecken

Fastenzeit kommt nach Fasnacht

Artikelaktionen
Der Streit darüber, ob es nun „Fasnacht“ oder „Fastnacht“ heissen sollte, ist alt. Die Orthographie kann man jedoch getrost beiseite lassen. Das, was damit gemeint ist, bleibt so oder so eine katholische Notwendigkeit.

 Es gibt Dinge, die werden uns in die Wiege gelegt – sie nachträglich zu erwerben, scheint beinahe aussichtslos: Zum Katholizismus konvertieren ist schwierig, sich eine waschechte Zürischnöre aneignen wollen auch, und ein richtiger Fasnächtler zu werden, schier unmöglich. Man hat es gewissermassen in den Genen.
Wer an diese Theorie glaubt, ist nicht überrascht, dass Pfarrer Alfred Böni und Jugendseelsorgerin Frieda Mathis zu den Fasnächtlern gehören. Weil er aus Glarus stammt und sie aus Nidwalden, zwei Innerschweizer Kantonen, in denen die Fasnacht seit jeher tief verankert ist.
Und doch bringt Frieda Mathis die Theorie etwas ins Wanken, weil sie erst im „Zürcher Exil“, genauer in der Pfarrei St. Gallus in Schwamendingen, zur Fasnächtlerin geworden ist. „Ich habe nicht einmal das Bedürfnis, jedes Jahr in die Innerschweiz zu gehen, um dort zu feiern. Die Pfarreifasnacht hier in Schwamendingen, das ist meine Fasnacht – mehr brauche ich nicht.“ Bei Alfred Böni scheint die Beziehung zur „richtigen“ Fasnacht stärker: „Mich zieht es fast jedes Jahr entweder an einen Fasnachtsanlass nach Luzern oder nach Basel.“
Zur Fasnacht ist man also geboren. Damit dürfte Zürich ein steiniges Pflaster für Fasnachts- Missionare sein, attestiert doch die gesamte Schweiz den Zürchern immerhin dies: dass sie von Fasnacht keine Ahnung haben.

BEZIEHUNG STATT KONSUM
Dennoch gehörte die Pfarreifasnacht in vielen katholischen Pfarreien der Stadt und des Kantons lange Jahre zu den traditionell beliebten Veranstaltungen im Pfarreileben. Das waren zum Teil sicher auch „Heimwehanlässe“, weil viele Zürcher Katholikinnen und Katholiken aus der Innerschweiz stammten. Für sie gehörte Fasnacht einfach dazu und die Pfarrei war der Ort, wo man sie in der Zwingli-Stadt feiern konnte. Seit einigen Jahren werden aber in immer weniger Pfarreien Fasnachtsanlässe angeboten. Das hat zunächst wohl damit zu tun, dass das katholische Milieu verschwunden ist, dass die Katholiken längst integriert sind und dass viele hier geboren wurden, die zwar noch Innerschweizer Wurzeln, aber keine praktische Fasnachtserfahrung mehr haben. Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass in Schwamendingen die Fasnachtskultur wieder am Blühen ist. Neben der „Schwamendinger  Fasnachtsnacht“ als Hauptanlass – in diesem Jahr unter dem Motto „I love Bauernhof“ – gibt es eine Seniorenfasnacht und eine Chinderfasnacht, ja sogar zum Fasnachtsgottesdienst wird man eingeladen.
Das alles sei vor allem die Frucht intensiver Beziehungsarbeit, meint Frieda Mathis, die als Jugendseelsorgerin interimistisch den Trägerverein „Böögge-Blaatere“ leitet und zusammen mit Jungwacht, Blauring, Pfadi und Firmteam die Anlässe vorbereitet. „Ich spreche die Jugendlichen direkt an und motiviere sie, nicht nur zu konsumieren, sondern selbst mitzumachen. Dass der Pfarrer sich aktiv am Fasnachtstreiben beteiligt, trägt sicher auch dazu bei, dass der Anlass auch von Jugendlichen gut besucht ist. Für bis zu 40 Jugendliche ist die Pfarreifasnacht zu einer Gelegenheit geworden, bei der sie einen unbeschwerten Abend im Kreis von Kolleginnen und Kollegen geniessen.“ Auch für Alfred Böni spielt es eine wesentliche Rolle, dass die Fasnacht vom Seelsorgeteam nicht bloss geduldet, sondern mitgetragen wird. „Wenn wir maskiert daran teilnehmen, dann wirkt das ansteckend. Ich habe sogar den Eindruck, dass sich die Jugendlichen in diesem altmodisch-volkstümlichen Rahmen gar nicht so unwohl fühlen, obwohl es nicht ihre Kultur ist.“ Frieda Mathis hakt ein: „Die Jugendlichen werden so akzeptiert, wie sie sind, und werden auch nicht vereinnahmt. Deshalb können sie auch der Fasnacht etwas abgewinnen und nehmen inzwischen sogar vermehrt am Fasnachtsgottesdienst teil.“ Beide sind sich einig: „Die Pfarreifasnacht dient in erster Linie der Beziehungspflege – Konsumhaltung steht nicht im Vordergrund.“

OSTERN BEGINNT MIT FASNACHT
Dass sich Frieda Mathis als Jugendseelsorgerin für die Fasnacht derart einsetzt, hat aber noch andere Gründe: „Mir ist es wichtig, das Kirchenjahr in seiner Vielfalt bewusst zu gestalten. Viele Jugendliche sind fasziniert vom Islam und seinen Fastenbräuchen. Ein genauso vielfältiges Brauchtum haben auch wir Christen.“ Und Alfred Böni fügt hinzu: „Ich bin überzeugt, dass man die Fastenzeit und Ostern anders begeht, wenn man zuvor Fasnacht gefeiert hat. Dieser Wechsel zwischen Festen und Fasten gibt dem Jahr einen Rhythmus und macht es abwechslungsreich. Die Fasnacht gehört für mich deshalb unverzichtbar ins Kirchenjahr.“
Gerade als Ventil war und ist die Fasnacht aber manchem Gläubigen ein Dorn im Auge – allzu ausgelassen werde hier all das getan, was Gott eigentlich verboten habe. Auf solche Vorurteile reagiert Alfred Böni vehement: „Fasnacht muss doch nicht zwangsläufig primitiv sein. Wir haben weder mit Alkoholexzessen zu kämpfen noch mit sexistischen Ausfälligkeiten!“ – „Als Frau würde ich mich gerade dagegen heftig wehren“, fügt Frieda Mathis hinzu. „Wir sind an Fasnacht keine anderen Menschen als sonst. Ob nun in der Fasnachtszeit oder unter dem Jahr, unsere Verantwortung den Mitmenschen und uns selbst gegenüber müssen wir immer genau gleich wahrnehmen. Fasnacht muss ein Teil unserer Kultur und unseres Glaubens sein, die das ganze Jahr und das ganze Leben prägen. Wenn das nicht so wäre, könnte ich die Fasnacht nicht geniessen. Wenn die Toleranz anderen Menschen gegenüber echt ist, dann wird sie auch an der Fasnacht nicht missbraucht.“
Für Alfred Böni hat die Fasnacht zwar durchaus auch eine Ventilfunktion, weil man sich für einmal aus einem Korsett lösen könne, aber das Ziel sei nicht Hemmungslosigkeit. „Ich bin überzeugt, dass Ausgelassenheit im Leben unserer Kirche zu kurz kommt. Fasnacht ist eine Möglichkeit, seine Lebensfreude, das Tanzen und Lachen, das unbeschwerte Beisammensein als Teil des Lebens und des Glaubens zu geniessen.“ Die Maske wäre dann also – so paradox das klingen mag – eine Möglichkeit zur Demaskierung, eine Gelegenheit, sich anderen Mitmenschen gegenüber öffnen zu können und sich näher zu kommen. „Gerade in der Maske finde ich oft sehr viel über mich selbst heraus“, bestätigt Frieda Mathis.
Für beide Seelsorger gehört Fasnacht zu einem ganzheitlichen Christsein völlig selbstverständlich dazu. Und deshalb feiern sie mit der Pfarrei auch einen Fasnachtsgottesdienst, wo sogar die Guggenmusik ihren Platz hat und den Frieda Mathis zusammen mit Jugendlichen verkleidet mitgestaltet. „Das ist sicher gewöhnungsbedürftig für viele Leute, aber Proteste gab es bislang keine.“ Wenn es nach Alfred Böni und Frieda Mathis ginge, dann würde die Fasnacht von der Kirche nicht nur geduldet, sondern als Teil des Kirchenjahres gefördert werden als eine Möglichkeit, sein Gottvertrauen ganz ausgelassen und heiter auszudrücken. Sie freuen sich deshalb über all die anderen Pfarreifasnachten, die es im Kanton Zürich immer noch gibt, und bedauern zugleich, dass eine Theologie der Fasnacht unter Kolleginnen und Kollegen kaum je ein Thema ist.
Wer sich in das Gespräch mit Alfred Böni und Frieda einlässt, mag zunächst überzeugt sein, kein Fasnachts-Gen in sich zu haben. Aber allmählich könnte er dann doch wankend werden. Plötzlich spürt er die Lust an einer enthüllenden Maske in sich aufsteigen, weiss nicht mehr so recht, weshalb er sich eigentlich vor der Ausgelassenheit fürchtet, und beginnt sich mit dem Gedanken anzufreunden, auch in dieser Beziehung mit dem Katholischsein ernst zu machen.

THOMAS BINOTTO

Artikelaktionen
Auch Fasnacht hat viele Facetten - und nicht nur lautstarke. FOTO: CHRISTOPH WIDER
MIT PÄPSTLICHER EMPFEHLUNG

Im Jahr 1284 hat Papst Martin IV. eine regelrechte Empfehlung zum Fasnacht-Feiern abgegeben. Das war im viel geschmähten Mittelalter, als die Fasnacht von der Kirche regelrecht gefördert wurde und dadurch ihren Höhepunkt erreichte. Die grundsätzliche Fasnachtskritik setzte erst mit der Reformation ein, mit Martin Luther selbst, der in einer Tischrede einmal gesagt hat: „Es war ein Narr gewesen, der hatte sich in der Fastnacht traurig gekleidet, übel gehabt und kläglich gestellt; hinwiederum, in der Marterwochen zog er schöne Kleider an und war fröhlich und guter Dinge. Als man ihn nun fragte, warum er solches täte, da antwortete er: In der Fastnacht geschehen viel Sünden, da soll man billig traurig sein; aber in der Marterwoche predigt man, wie Christus für die armen Sünder gestorben sei. Darum soll man fröhlich sein. Das ist eine feine Rede gewesen von einem Narren.“ Das in ihren Augen unselige Treiben war auch den Reformatoren Huldrych Zwingli und Johannes Calvin zuwider. In den Städten Genf und Zürich wurde die Fasnacht sogar verboten. Aber auch in der katholischen Kirche regte sich Widerstand gegen das Narrentreiben, weil man sich ums Seelenheil sorgte. Die Aufklärung hat dem „unvernünftigen“ Treiben dann – scheinbar – endgültig den Rest gegeben. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Fasnacht wieder belebt. Und wieder fanden sich prominente katholische Fürsprecher. Der Mainzer Bischof Paul Leopold Haffner bekannte Ende des 19. Jahrhunderts, er halte die Fasnacht „für eine höchst christliche und wahrhaft katholische Institution und würde fast eine Ketzerei darin sehen, wann man sie abschaffen sollte“.

THOMAS BINOTTO