Ausgepumpt
forum: Wann genau spricht man von Burn-out – im Gegensatz zu „normalem“ Stress?
Mario Etzensberger: Hier müsste man zuerst den Begriff „Stress“ definieren. Die wissenschaftliche Definition ist neutral und lautet: Stress ist die Antwort des Körpers auf Belastungen. Das ist nun nichts Krankhaftes, sondern etwas unbedingt Notwendiges.
Das tönt ja, als wäre Stress etwas Positives.
In diesem Sinne ist es das. Zum Glück kann unser Körper auf Belastungen reagieren! Die negative Assoziation, die wir mit dem Begriff Stress haben, kommt daher, dass im alltäglichen Sprachgebrauch nicht die Körperreaktion gemeint ist, sondern die belastende Situation, die dieser zugrunde liegt. Das, was mich belastet, bedrängt, traurig oder wütend macht, dem sagen wir in der Regel Stress. Doch Stress muss nicht zwangsläufig negativ sein.
Sondern?
Den positiven Stress nennen wir „Eustress“. Er ist bei denjenigen Menschen vorhanden, die erst richtig lebendig werden, wenn es „chlöpft und tätscht“, wenn sie viel zu tun haben, wenn was läuft. Diese Art von Anspannung wird als positiv erlebt, allerdings nur, solange auf diese Aktivitäten Entspannungsphasen folgen.
Es gibt aber auch den schlechten Stress.
Den gibt es, und er zeigt sich da, wo Belastungen als etwas Einengendes und Überforderndes erlebt werden, als etwas, das einen an seine Grenzen bringt. Man würde das mit Disstress bezeichnen und hier wird mit Abwehr reagiert. Beides, Eustress wie Disstress, gehört zum Leben. Ein Lebewesen, das nie belastet wird, würde bald eingehen, weil die Fähigkeit, auf Belastungen zu reagieren, verloren ginge. Der kleinste Hauch wäre dann zu viel. Der Volksspruch „Was mich nicht umbringt, macht mich hart“ erinnert an diese Erkenntnis. Je weniger Belastungen ein Mensch hat, desto schwächer wird er.
Es geht also nicht darum, Belastungen möglichst zu vermeiden?
Denken Sie nur an die Schule. Da hat sich gezeigt, wenn es keine Prüfungen mehr gibt, geht es den Kindern nicht etwa besser, sondern schlechter. Denn irgendwann gibt es doch irgendwelche Prüfungen und sei es nur die Konkurrenz mit den Mitschülern. Es geht ums richtige Mass. Selbstverständlich sind Überbelastungen genauso verheerend.
Und was ist nun ein Burn-out?
Wenn jemand zu viel und zu lang einem belastenden Stress, eben dem Disstress, ausgesetzt ist, dann leeren sich irgendwann die Batterien. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Auto, dessen Motor nicht mehr angelassen werden kann, weil die Batterie leer ist. Da kommt dann der Modebegriff Burn-out ins Spiel.
Wieso Modebegriff? Ist Burn-out kein medizinischer Fachausdruck?
Wir haben es nicht mit einem klar definierten Krankheitsbild zu tun und es kommen diverse unspezifische Symptome zum Vorschein: Energielosigkeit, Konzentrationsstörungen, Initiativelosigkeit oder sich nicht mehr erholen können, auch wenn man sich zurückzieht. Solche Symptome gibt es aber bei fast allen psychischen Erkrankungen. Erschöpfung kennt jeder. Wer sich beispielsweise lange auf eine wichtige Prüfung vorbereitet, merkt oft erst, wenn es vorbei ist, wie sehr er sich ausgepumpt hat. Das hat aber noch nichts mit Krankheit zu tun. Wir haben die Möglichkeit, unsere Kräfte vorübergehend auch mal etwas übers Mass zu strapazieren. Gesund bleibt die Sache so lange, wie ich mich nach vorübergehenden Erschöpfungen wieder erholen kann. Von Krankheit reden wir erst dann, wenn sich ein Mensch nicht mehr mit eigenen Methoden und aus eigener Kraft erholen kann.
Was sind denn die Ursachen solch krankhafter Erschöpfungszustände?
Die liegen darin, dass Menschen über ihre Kräfte hinaus leben. Es ist wie wenn ich in Sachen Finanzen über meine Verhältnisse lebe. Da komme ich irgendwann ins Minus. Jeder Mensch hat seine Energien und die sind nicht unbegrenzt. Wer zu lange Zeit kräftemässig über seine Verhältnisse lebt, wird die Folgen zu spüren bekommen.
Können auch Drogen zur Leistungssteigerung als Ursache eine Rolle spielen?
Auf jeden Fall, denn mit diesen Mitteln wird ein natürlicher Schutzmechanismus des Körpers zerstört. Wenn jemand Aufputschmittel einnimmt, sagt ihm sein Körper nicht mehr, wann es zu viel wird. Wenn diese Person dann zusammenbricht, ist die Situation umso schlimmer, weil sie kein bisschen Reserve mehr besitzt. Es ist dann ähnlich wie bei den Akkus. Wenn ich einen Akku total leere, geht er meistens kaputt. Es braucht eine minimale Restenergie, um von da wieder aufladen zu können. Ganz leer ist meist gleichbedeutend mit kaputt.
Wie kaputt? Sie meinen irreversibel? Kann ein Burn-out zu bleibenden Schäden führen?
Ja, das kann vorkommen. Das Herz kann zum Beispiel geschädigt werden, was unter Umständen zu einer Herzinsuffizienz führt. Auch die psychische Konstitution kann nachhaltig verletzt werden, so dass Menschen psychisch immer schwächlich und wenig belastbar bleiben. Man muss aber sagen, dass dies zum Glück nicht oft geschieht. Die Natur ist sehr liebenswürdig und sehr geduldig.
Suchen Betroffene oft zu spät Hilfe?
Viele Leute spüren eigentlich schon, wenn es zu viel an Belastung wird. Doch ob sie dann auch die Konsequenzen daraus ziehen, ist oft eine andere Frage. Meist kommen zuerst viele Ausweichmanöver wie: Ich kann jetzt nicht, ich darf jetzt nicht – und so macht man dann einfach weiter, zumal in unserer Gesellschaft viel arbeiten als besonders tugendhaft gilt.
Welche Personentypen sind denn besonders gefährdet?
Man hat für fast alle Krankheiten versucht, bestimmte Typen zu finden, den Suchttyp, den Herzinfarkttyp und so weiter, und immer musste man feststellen: Diese Typisierung funktioniert nicht. Natürlich gibt es Veranlagungen, die ein Burn-out fördern können.
Perfektionisten sind vielleicht mehr gefährdet als Menschen, die die Fünf auch mal gerade sein lassen können. Oder die Doppelbelastung von Familie und Beruf kann einem Burn-out Vorschub leisten. Hier kommt es auch stark darauf an, ob man sich von gesellschaftlichen Idealbildern vereinnahmen lässt oder ob man dem etwas entgegensetzen kann.
Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die besonders gefährdet sind?
Berufe, die emotional auslaugen, sind natürlich dazu prädestiniert, Erschöpfungen hervorzurufen. Es hängt viel davon ab, wie gut sich jemand abgrenzen kann. Wichtige Fragen sind: Kann ich Sorgen und Probleme, die mit der Arbeit zusammenhängen, zurücklassen oder nehme ich alles mit nach Hause?
Kann ich in der Freizeit, in der Familie, beim Hobby oder unter Freunden auftanken oder bin ich gedanklich immer schon am nächsten Arbeitstag? Wer das nicht kann, muss es lernen und man kann das auch lernen. Ansonsten ist der Tank dann eben irgendwann leer.
Viel arbeiten führt nicht immer zu Erschöpfung. Wenn jemand sehr viele positive Gefühle für sich selber aus seinem Arbeiten gewinnt, dann kann er viel länger und viel intensiver arbeiten als jemand, der jeden Morgen freudlos zur Arbeit fährt.
Wie therapieren Sie Burn-out-Patienten?
In einer ersten Phase geht es darum, den Patienten dazu zu bringen, dass er sich wieder erholen kann. Wir kennen das alle, dass man nach einer sehr grossen Anstrengung, sei das eine Prüfung, die Aufführung eines Theaterstücks oder irgendetwas, das einen über eine gewisse Zeit sehr in Anspruch genommen hat, dass man nach so einer Anstrengung erst mal gar nicht schlafen kann, weil man zu erschöpft ist. Es braucht dann eine Weile, bis man wieder ganz erholungsfähig ist. Der Burn-out-Patient muss als Erstes aus seiner Belastungssituation herausgeholt werden. Oft ist es schwierig zu erreichen, dass der Patient sich selber überhaupt die Erlaubnis zur Erholung gibt.
Warum?
Weil er sich Schwäche eingestehen muss, weil er sich womöglich als Versager fühlt und ein Versager in seinen Augen kein Recht auf Erholung hat. Es geht zunächst darum, den Patienten dazu zu bringen, dass er sagen kann: Ja, ich bin erschöpft, ja, ich brauche Erholung.
Und dann schicken Sie die Leute zur Kur?
Ein Kuraufenthalt ist eine Möglichkeit, es gibt aber auch Patienten, die sich besser zuhause im familiären Rahmen erholen können. Die Kur hat allerdings den Vorteil, dass der Patient mal richtig Distanz von allem gewinnt.
Was ist mit Medikamenten?
Auch die können zum Einsatz kommen: Antidepressiva, Vitamine oder Aufbaupräparate. Was ich nicht verschreibe, sind Beruhigungsmittel, denn die sind das Gegenstück zu den Aufputschmitteln. Wer sich an Beruhigungsmittel gewöhnt, kann sich irgendwann nicht mehr von sich aus entspannen. Die Gefahr der Abhängigkeit von solchen Medikamenten ist deshalb gross. Dasselbe gilt im Übrigen für den Alkohol. Viele Erschöpfungspatienten haben Alkoholprobleme, weil sie sich erst nach drei Gläsern Rotwein entspannen können. Am Anfang funktioniert das ja auch, doch wenn man das über längere Zeit so macht, landet man irgendwann in der Sucht.
Sie sind allgemein zurückhaltend mit Medikamenten?
Im Fall von Erschöpfungszuständen ja, da sind sie nur zweite oder dritte Wahl. Viel wichtiger ist, wie gesagt, dass der Patient lernt, sich Erholung zuzugestehen. Wenn das mal funktioniert und er wieder auf einem gewissen Energielevel angekommen ist, dann geht es in der Therapie auch um die Überprüfung der bisherigen Lebenssituation. Was hat dazu geführt, dass sich jemand so verausgabt hat
Welche Überlastungen kommen von aussen und welche macht sich der Patient selber beispielsweise in Form von Perfektionismus oder Schuldgefühlen?
Hier kommen vor allem Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie zum Zuge.
Was muss man sich darunter vorstellen?
Da werden Lebensentwürfe oder Lebensmottos hinterfragt: Wie sinnvoll sind sie
Woher habe ich die überhaupt? Warum folge ich denen geradezu sklavisch?
Gäbe es nicht Alternativen? Dieses Hinterfragen von Lebensentwürfen meint nicht, dass ich einenanderen Menschen aus mir machen muss. Denn bei den meisten Menschen sind 95 Prozent ihrer Strategien zur Lebensbewältigung völlig in Ordnung. Bei den problematischen fünf Prozent geht es darum, das Spektrum der Handlungsstrategien zu erweitern.
Das Krankhafte ist ja nicht die Methode an sich, sondern wenn ich keine Wahlmöglichkeiten habe, wenn ich mich immer nach demselben Schema verhalten muss. Perfektionismus zum Beispiel ist an sich nichts Schlechtes. Krankmachend wird es erst, wenn ich immer und überall perfekt sein muss. Oder nehmen wir nochmals das Beispiel Alkohol: Gegen ein Glas Wein ab und zu ist nichts einzuwenden. Krank wird es, wenn ich keine andere Möglichkeit mehr habe, als zum Wein zu greifen, wenn ich mich schlecht fühle. Und weil solche Handlungsstereotypen nicht schicksalhaft angeboren, sondern gelernt sind, ist es auch möglich umzulernen.
Immer wieder hört man von Familiendramen, wo Väter ausrasten und ihre gesamte Familie auslöschen, und nicht selten wird dann die Frage nach der Überforderung gestellt. Zu Recht? Kann ständige Überforderung aggressiv machen?
Leider ja. Das ist wie bei Angriffstieren. Wenn die in die Enge getrieben werden, dann beissen sie einfach wild um sich. Solche Muster stecken auch im Menschen. Wenn ich von allen Seiten belastet bin, versuche ich mich freizukämpfen, und dabei können sehr nachhaltige Aggressionen auftreten.
Gibt es Möglichkeiten, dem Burn-out präventiv entgegenzuwirken?
Die beste Prävention ist, in einer Familie aufwachsen zu dürfen, die das rechte Mass kennt – das rechte Mass an Belastung, an Pflichten, an Anstand, an Freizeit und so weiter. So lerne ich, im Mass zu bleiben, und dann kann ich alles machen, denn im Mass schadet eigentlich nichts. Wenn ich nun in einem Milieu aufwachse, wo nicht massvoll gelebt wird, wenn ich vernachlässigt, überfordert oder auch zu sehr verwöhnt werde, dann werde ich irgendwann erfahren müssen: Diese Methode ist für mich nicht förderlich. Das heisst, ich muss einmal auf die Nase fallen, um zu realisieren, wo ich Masslosigkeiten lebe. So gesehen sind Krisen auch Chancen, weil sie mir den Anstoss geben, Verhaltensweisen, die mir auf die Dauer nicht gut tun, zu verändern.
Ich habe von Studien gehört, die belegen sollen, dass es zwischen Religiosität und Gesundheit einen Zusammenhang gibt. Würden Sie sagen, dass Menschen, die sich in einer Religion aufgehoben fühlen, besser vor Burnout geschützt sind?
Ja, ich denke, dem ist in der Tat so. Der Haken an der Sache ist nur, dass man das nicht produzieren kann. Man kann sich nicht vornehmen, religiös zu werden. Was man in einer Therapie tun kann, ist, religiöse Fragen anzugehen. Solche Fragen sind unabhängig von einer bestimmten Religion und Konfession, denn es geht um die ganz grundlegenden Fragen: Woher komme ich, wohin gehe ich, was macht das alles für einen Sinn
Viele Menschen haben Hemmungen, über religiöse Dinge zu sprechen, über das, was sie persönlich glauben, was sie hoffen, was ihnen Halt gibt. Deshalb versuche ich, Patienten darauf anzusprechen, wenn ich spüre, dass solche Themen jemanden bewegen.
Erlauben Sie mir zum Schluss eine persönliche Frage: Als Chefarzt tragen Sie eine grosse Verantwortung und arbeiten bestimmt auch nicht wenig. Haben Sie sich selbst schon überfordert gefühlt?
Ja, ich kenne das gut, und zwar dann, wenn sich die Anfragen, Mails und sonstigen Pendenzen derart stapeln, dass mich das Gefühl überfällt: Das schaffe ich nicht. Die Zeit reicht einfach nicht. Das alles ist nicht mehr zu bewältigen. Da würde ich dann auch manchmal am liebsten davonlaufen oder um mich beissen. Und es kann auch mal vorkommen, dass ich den zehnten Anrufer an einem Tag, der ja gar nichts dafür kann, ganz unfreundlich vor den Kopf stosse, weil mir einfach alles zu viel wird.
Und was tun Sie in solchen Situationen?
Ich versuche zurückzustehen und zu überlegen, was ich tun muss, damit die Sache nicht noch schlimmer wird. Was muss ich wirklich sofort erledigen, was kann ich aufschieben und was erledigt sich von selbst, wenn ich es liegen lasse
Kurz: Ich versuche, Prioritäten zu setzen. Und manchmal bin ich auch ganz einfach froh, wenn es Abend ist und ich alles für eine Weile hinter mir lassen kann.
INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER
Mario Etzenberger ist Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Königsfelden.