Wenn Gott menschlicher Ethik widerspricht
Abraham lebte vermutlich ungefähr um 1500 vor Christus. Er war der Patriarch einer Sippe von Halbnomaden, die vom Zweistromland nach Israel wanderte und sich im Süden Israels niederliess. Er muss religiös ausserordentlich begabt gewesen sein und aus zahlreichen Gotteserfahrungen gelebt haben. Diese waren so prägend, dass der Glaube an den „Gott Abrahams“ auf ganz Israel übersprang und schliesslich am Anfang von drei Weltreligionen steht. Abrahams Name bedeutet „Vater (Gott) ist erhaben“. Im Buch Genesis sind ihm ganze 16 Kapitel gewidmet.
Im Bund, den Gott mit Abraham schloss, versprach er seinen ständigen Beistand, zahlreiche Nachkommen für Abraham und den Besitz des Landes Israel. Wer zu diesem Bund des Gottes Abrahams gehören wollte und männlichen Geschlechts war, musste sich beschneiden lassen. Ähnlich wie die christliche Taufe wurde die Beschneidung zum Ritual, das den Übertritt Aussenstehender zur Glaubensgemeinschaft markierte. Die Beschneidung war viel mehr als eine hygienische Massnahme: Sie war Zeichen der Heiligung der Lust, des Danks für die Zeugungsfähigkeit und der Mahnung in der Versuchung durch die Gewalt. Bis ins Tiefste seiner Existenz sollte der Mann von seinem Glauben geprägt sein. Wie sehr selbst der gerechte Abraham in seinen Beziehungen zu Frauen der ethischen Korrektur bedurfte, zeigt sein Versagen gegenüber seiner Ehefrau Sara und seiner Nebenfrau Hagar.
Eine der schönsten Geschichten der ganzen Bibel erzählt davon, wie Abraham mit Gott um die Rettung der Städte Sodom und Gomorra feilscht. Gott will beide Städte wegen der Sünden ihrer Bewohner zerstören, doch Abraham mahnt: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Willst du nicht doch dem Ort vergeben wegen der Gerechten dort? Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Schliesslich bringt Abraham Gott so weit, dass er bereit ist, die Städte zu verschonen, wenn er nur zehn Gerechte darin findet. Hier haben wir den Prototyp des fürbittenden Gebets vor uns, das sich uneigennützig für andere einsetzt, Gott an seine Gerechtigkeit erinnert und ihm seine Barmherzigkeit abringt.
Schliesslich verlangt Gott die Opferung Isaaks, des lang ersehnten und einzigen ehelichen Kindes Abrahams. Der Vater fügt sich dieser Forderung; erst im letzten Moment lässt Gott ihn wissen, dass er sich mit einem Tieropfer begnügt. Die Bibel reicht in eine Welt zurück, in der noch Menschen geopfert wurden. Dass Abraham bereit war, sein Liebstes hinzugeben, macht ihn für die Bibel zum Inbegriff des Gerechten. Doch diese Geschichte hat Gläubige und Philosophierende seit je umgetrieben: Was ist zu tun, wenn der Wille Gottes jeder menschlichen Ethik widerspricht? Ein furchtbares, ja tragisches Dilemma, zumal der Wille Gottes ja nie mit letzter Eindeutigkeit zu erkennen ist.
Im Gleichnis Jesu vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lukas 16) sitzt letzterer nach seinem Tod in Abrahams Schoss. Gleichsam anstelle des himmlischen Vaters erklärt er dem in der Unterwelt leidenden Prasser, dass es nichts nütze, wenn er Lazarus nochmals auf die Erde schicke zur Warnung seiner Brüder, da sie auf Mose und die Propheten auch nicht hörten. Indem Jesus Abraham derart grosse Bedeutung beimass, hat er selber den Grund gelegt dafür, dass Abraham nicht nur im Judentum und im Islam als Vater verehrt wird, sondern auch von den Gläubigen des neuen Bundes.
GISELA TSCHUDIN,
GEMEINDELEITERIN ST. MARTIN, ZÜRICH