Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 3, 2006 Sieht Gott alles?
Kinder fragen Fragen

Sieht Gott alles?

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Eine klare Frage, auf die es für Christen eine ebenso klare Antwort gibt – könnte man meinen.

Die Frage ist schlicht und einfach – und sie taucht früher oder später bei jedem Kind auf: Sieht Gott eigentlich alles, was auf dieser Erde geschieht? Hat er also auch all das im Auge, was ich so treibe? Die Antwort auf diese Frage scheint für Christinnen und Christen ganz einfach zu sein: Natürlich sieht Gott alles! Gott ist schliesslich jener, der das All umfasst, ihm gehört „das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“.
So nahe liegend diese Antwort im ersten Moment scheint, so vielschichtig wird sie, wenn man länger darüber nachdenkt. Schon wenn wir die Frage etwas anders stellen, wird ihre Tragweite sichtbar: „Ist Gott unser Oberaufseher?“ Das Bild von einem Gott, der alles sieht, kann allzu leicht zum Bild eines Gottes werden, der alles kontrolliert, als oberster Herr einer Überwachungs-Schöpfung. Ein Gott also, der seine Schöpfung überwacht, um jeden Verstoss gegen seine Gebote mitzukriegen. Von da ist der Schritt vom überwachenden zum bestrafenden Gott nicht mehr weit. Das scheint in unseren aufgeklärten Zeiten zu weit hergeholt. Haben wir uns vom Bild des strafenden Gottes inzwischen nicht längst verabschiedet? Wir beschreiben Gott unseren Kindern doch längst als liebenden Vater und liebende Mutter zugleich. Als einen Gott, der alles sieht, weil er uns beschützen will. Aber auch dieses Bild ist nur auf den ersten Blick ein rundum positives und tröstliches. Führen wir den Vergleich zum Eltern-sein einmal weiter: Wollen und brauchen Kinder wirklich Eltern, die aus lauter Sorge alles sehen? Auch diese Sorge kann zur Belastung werden, kann uns einschnüren und jeder Freiheit berauben. Ist das Gefühl wirklich tröstlich, dass uns kein Fehltritt etwas anhaben kann und wir keinerlei Gefahr ausgesetzt sind? Kinder jedenfalls spannen ihre Eltern gehörig auf die Folter, wenn sie scheinbar unverbesserlich das Risiko suchen. Niemand, der nicht aus seiner Kindheit von jenen gefährlichen Aktionen erzählen kann, die seine Eltern damals glücklicherweise nie mitgekriegt haben.
Ob wir als Eltern wollen oder nicht: Wir sind gezwungen, unsere Kinder loszulassen. Und damit übergeben wir sie nicht nur der Freiheit und der Selbstverwirklichung, sondern auch der Gefahr, dem Irrtum und dem Scheitern. Wer das nicht zulassen will, und sei es aus liebevollster Sorge, der wird von seinen Kindern früher oder später gewaltsam dazu gezwungen.
Gott hat den Menschen die Freiheit von Anfang an zugemutet – und das ziemlich schnell mit niederschmetterndem Resultat. Dennoch hat er offenbar an dieser Grundentscheidung festgehalten. Er will kein alles sehender Gott sein, der aus lauter Liebe jede Freiheit verhindert.
Als Eltern müssen wir irgendwann die Balance zwischen Loslassen und Umsorgen finden. Wir müssen ein Gespür dafür entwickeln, wie viel Freiheit unser Kinder gerade verträgt und auch wie viel Misserfolg. Wir lernen unseren Kindern zu vertrauen. Wir beginnen zu spüren, dass nicht jeder Weg, den wir nicht sehen und verstehen, ein Irrweg sein muss, und wir beginnen darauf zu vertrauen, dass Wege, die weit von uns weg zu führen scheinen, manchmal unvermutet zurückführen. Ich stelle mir einen alles sehenden Gott deshalb als einen Gott vor, dem nichts egal ist, der uns nicht ins Leben stellt und sich dann mit einem „jetzt schau selber“ von uns abwendet. Aber er will uns das Leben auch nicht vorzeichnen. Dieses Bild von Gott sehe ich nirgends derart deutlich skizziert, wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Das Vertrauen des Vaters lässt Freiheit zu, es ermöglicht sogar den tragischen Irrtum, es lässt aber auch die freiwillige Rückkehr zu. Gott ist kein allmächtiger Aufpasser – Gott ist keine allmächtige Glucke – Gott ist der allmächtige Wieder-in-die-Arme-Schliessende. Auch als Eltern möchten wir unsere Kinder um ihrer selbst Willen lieben, so wie sie sind, und nicht so, wie wir sie gerne haben möchten. Als Eltern haben wir selbst aber genau dasselbe Bedürfnis: Wir möchten so geliebt werden, wie wir sind, um unser selbst willen. Diese gegenseitige Liebe ist nur in Freiheit und Freiwilligkeit möglich. Dafür müssen wir unsere Kinder loslassen. Als Eltern, denen nichts egal ist, auch wenn sie nicht alles sehen.

THOMAS BINOTTO

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Die Familie als Ort der Geborgenheit, aber auch der Entfaltung und der Freiheit. ILLUSTRATION: ELISABETH (7 JAHRE)