Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Augenblicke für ein Bild

Schwester Gott

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Diese Brunnenplastik von 1968 ist ein Werk des Bildhauers Gedeon Renner (1923– 1976), der einer der bedeutendsten Urner Kunstschaffenden des 20. Jahrhunderts war. Der Künstler hat die bewegte Figurengruppe aus Bronze in Kontrast gesetzt zu dem von ihm ebenfalls gestalteten Sockel- und Brunnenbecken- Komplex aus Beton.
Am Brunnen kann man den Durst löschen und sich erfrischen. An diesem Brunnen wird einem von Gedeon Renner auch eine geistige Erfrischung geboten.
Eine dreistufige Treppe wird unterbrochen von einer fantasievollen Brunnenarchitektur, die ihrerseits eine Art Treppe mit unterschiedlich hohen Podesten bildet. Verschieden grosse, ineinander verschachtelte Betonblöcke, die auf dem Bild nur teilweise sichtbar sind, umschliessen die kubischen Brunnenbecken und bilden sozusagen die Bühne, auf der zwei lebensgrosse Bronzefiguren in Aktion sind. Ein grösseres Mädchen steht auf dem mächtigsten und höchsten Sockel und hält einem kleineren Mädchen, das sich bemüht, zu ihm hochzusteigen, die Hand entgegen, um ihm dabei zu helfen. Zwei Menschen auf ungleicher Höhe, die im Begriff sind zusammenzufinden, weil beide es wollen. Das kleinere Mädchen möchte weiterkommen, dahin wo das grössere bereits ist, etwas weiter nach oben. Fast schafft es diesen wichtigen Schritt allein, aber doch nicht ganz. Es hat immerhin den Mut zum Wagnis. Es wagt den Spagat über den Graben, der die beiden Stufen trennt. Es streckt dem grösseren Mädchen die Hand entgegen. Es vertraut darauf, dass dieses es hält und ihm hilft, den Schritt zu tun.
Beide Mädchen tragen ihr Haar als Zopf. Wollte Renner damit sagen, dass sie Schwestern sind? Oder wollte er vielmehr ihr Verhalten als geschwisterlich kennzeichnen? Oben steht das grössere Mädchen mit gespreizten Beinen die Standfläche nützend, um die erwartete Hilfe besser leisten zu können. Das Grössere hält dem Kleineren die rechte Hand hin, um ihm etwas von seiner Kraft zu geben, damit es Halt und Sicherheit gewinnt. Es traut ihm den Schritt zu. Die Hände sind einander schon ganz nahe, fast berühren sie sich. Gleich wird sich die kleine Hand in die grössere legen, und dank einem entschlossenen Griff wird der grosse Schritt gelingen.
Das alles geschieht mit Leichtigkeit, wie beiläufig, ohne grössere Anstrengung, spielerisch, selbstverständlich, freundschaftlich, geschwisterlich.
Die Brunnenskulptur mit dem Namen „Ä grossä Schritt“ schmückt den Pausenplatz vor dem Schulhaus Jagdmatt in Erstfeld. Die beiden so lebendig wirkenden Mädchen in Bronze verweisen auf das, was Schule meint. So kann Schule sein, auch die Schule des Lebens. Weil Gedeon Renner auch zahlreiche religiöse und biblische Motive dargestellt hat, wage ich auch dieses Werk religiös zu deuten. Ich sehe es als Bild für das Verhältnis Gottes zum Menschen. Gott will, dass wir das Leben selber beherzt in die Hand nehmen und mutig unsere Schritte tun. Aber er ist auch unser unsichtbarer Begleiter, der unsere Schritte unterstützt, unsere Wege mitgeht und uns notfalls an der Hand nimmt oder gar über Abgründe trägt.
Solches ist ihm zuzutrauen, obwohl er uns oft und quälend lange als abwesend vorkommt und wir keine seiner Spuren in und neben uns wahrzunehmen vermögen. Dennoch ist er uns nah, näher als wir uns selber sein können. Für mich hat der Brunnen von Gedeon Renner auch eine theologische Dimension. Er wird mir zum Gleichnis für Gottes Nähe, für sein Entgegenkommen, für seine Ermutigung, sein Einschreiten zu Gunsten der Armen und Kleinen, und dafür, dass er Unverzagten und Vertrauenden die Hand bietet. Und unsere Hände? Dass wir in Gottes Hand sind und bleiben, wird glaubwürdig, wo wir uns verhalten, als hätte Gott sein Handeln unseren Händen anvertraut.

WALTER ACHERMANN

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FOTO: WALTER ACHERMANN