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Im Gespräch mit Kantor Stephan Klarer

Nachdenken über Musik

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Zur Feier des 250. Geburtstages von Wolfgang Amadeus Mozart (27.1.1756–5.12.1791) widmet die Zürcher Liebfrauenkirche dem österreichischen Komponisten ein Fest der Musica Sacra. In Gottesdiensten und Konzerten wird ein vielfältiger Ausschnitt aus Mozarts geistlichem Werk aufgeführt.

forum: Stephan Klarer, lieben Sie monothematische Programme?
Stefan Klarer: Ich denke gerne über Musik nach und mag deshalb Programme, die von einem roten Faden durchzogen sind. Thematische Programme, die eine vergleichbare Musiksprache erkennen lassen, machen es auch den Zuhörern einfacher, sich der Musik emotional und intellektuell zu nähern.

Sie zeichnen als künstlerischer Leiter an der Liebfrauenkirche für das Mozart-Jahr 2006 verantwortlich. Von den über 70 kirchenmusikalischen Werken des Komponisten gelangen rund ein Drittel zur Aufführung. Eine schwierige Wahl?
Eine Wahl zumindest, die ich ganz bewusst getroffen habe: Einerseits werden Mozart- Messen im Rahmen der Liturgie in den Gottesdienst integriert und auf konzertantem Niveau aufgeführt, wie das in der Liebfrauenkirche Tradition ist. Andererseits werden ausgesuchte Meisterwerke auch in Gesprächskonzerten erklingen – kommentierten Konzerten mit gesungenen und gespielten Beispielen und einer abschliessenden integralen Aufführung. Gesprächskonzerte sind für Musiker und Sänger sehr anspruchsvoll, dem Zuhörer wollen sie den Reichtum eines Stückes aufzeigen, indem sie die Machart sowie den historischen und stilistischen Hintergrund skizzieren.
Neben Repertoire-Stücken wie der Messe in B-Dur, der Krönungsmesse und der D-Dur- Messe habe ich neu auch die Spatzenmesse und die Missa Solemnis ins Programm aufgenommen. Ausgewogen und abwechslungsreich wird die tief religiöse, aber auch heitere und bisweilen ausgelassene Musik Mozarts die kirchlichen Feiertage 2006 prägen.

Und der Höhepunkt des Programms?
Höhepunkt und gleichzeitig grösste Herausforderung ist das Requiem, das wir am 3. Dezember konzertant aufführen werden.

Wie werden die Werke aufgeführt?
Professionelle Vokalsolisten musizieren mit den Chören der Liebfrauenkirche – dem Vokalensemble und dem Gregorius-Chor, begleitet vom Berufsorchester Collegium Musicum. Die Aufführungspraxis der Ensembles orientiert sich am Originalklang der Mozart-Zeit und kann als gemässigt historisch bezeichnet werden. Mit Ausnahme der Blechbläser spielen die Musiker zwar auf modernen Instrumenten, berücksichtigen jedoch Artikulation und Stil des 18. Jahrhunderts. Auch im vokalen Bereich lege ich grossen Wert auf stilistisch und klanglich authentisches Musizieren.

Was zeichnet die geistliche Musik Mozarts aus?
Mozarts geistliche Musik ist das umfassendste Kirchenmusikwerk des 18. Jahrhunderts und eine Antwort auf Bachs Kirchenmusik in der lutherischen Liturgie. Es entstand – mit Ausnahme des Requiems und der c-Moll-Messe – in seinen frühen Jahren in Salzburg, wo er bis 1781 im Dienste von Fürsterzbischof Colloredo stand. Es ist eine äusserst vitale Musik, bei der sich die barocke Tradition mit Mozarts eigener Musiksprache mischt. Differenziert, nie langweilig, von kompositorischer Brillanz und Einfallsreichtum, erreicht Mozart ein bisher unerreichtes Niveau. Die Leichtigkeit, mit der er sich über die Formelhaftigkeit seiner Zeit erhebt, die Form gleichsam unter seine Ideen zwingt, zeugt von einer Qualität, die ihn von seinen Zeitgenossen unterscheidet. Seine geistlichen Werke sind durchaus vergleichbar mit Kammermusik, Sinfonien oder Opern jener Zeit.

Trägt Mozarts katholische Sozialisation zum Verständnis seiner Musik bei? Teilweise. Aus seinen Briefen weiss man, dass Mozart ein sehr gläubiger Mensch war. Die Musica Sacra war insofern eine Möglichkeit, seinen religiösen Gefühlen Gestalt zu geben. Doch waren seine Messen durchwegs Auftragswerke und nicht aus innerem spirituellem Drang heraus geschrieben. Zu spüren ist aber sicher sein natürlicher, unverkrampfter Zugang zur Religion. Eine durchwegs positive Grundhaltung, die selbst ein Requiem durchzieht. Dieser bejahende Grundgestus, in dem sein fröhliches, teilweise kindliches Temperament durchscheint, erklärt auch den einfachen Zugang zu seiner Musik. Mozart kommt direkt zu den Menschen, nicht nur zu den Katholiken. Entsprechend leicht lässt er sich auch esoterisch vereinnahmen: Mozart soll heilen, beruhigen – und die Entwicklung des Ungeborenen fördern.

Nun bestehen bei der Messe als Kompositionsgrundlage einige Eigengesetzlichkeiten. Wie behandelt Mozart die liturgischen Texte und wie wirken sie sich auf die Gesamtkomposition aus?
Grundsätzlich behandelt Mozart die einzelnen Komponenten – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei – konventionell und textgetreu, verbunden mit der ihm eigenen Leichtigkeit und seinem Charme. Die damals von Bischof Colloredo eingeführten Aufführungsbedingungen, wonach ein Gottesdienst die Dauer von 45 Minuten nicht überschreiten durfte, zwangen ihn jedoch vor allem bei Gloria und Credo, die traditionsgemäss sehr lang waren, zur Verdichtung. Aber er wusste mit der zeitlichen Begrenzung stets kreativ umzugehen und schuf Kompositionen, die in ihrer Knappheit sehr plastisch blieben.

Mozarts Musik ist weniger theologische Reflexion als musikalisch erklingende Liturgie?
Sie ist musikalisch erklingende Liturgie und gleichzeitig Teil der Liturgie. Und weil die Musik dort erklingen soll, wo sie ihren Ort hat, führen wir in Liebfrauen die Messen hauptsächlich im Gottesdienst auf. Die Menschen – auch von ausserhalb unseres Pfarreigebiets – scheinen sich davon angesprochen zu fühlen; unsere Besucherzahlen sind eindrücklich: 500 bis 800 Personen an einem Festtagsgottesdienst, 200 bis 300 Personen an einem Gesprächskonzert.

Mythos Mozart: Einem Mythos sollte man sich skeptisch und kritisch, aber mit Respekt nähern. Welche Beziehung haben Sie zu Mozart?
Ich versuche Mozart möglichst unverkrampft zu begegnen als einem der bedeutendsten Kirchenmusik-Komponisten, der bei uns an der Liebfrauenkirche eine lange Tradition hat. Bereits 1956 fand unter Chorleiter Hermann Odermatt ein Mozart-Jahr statt. Auch wenn Gedenkjahre Gefahr laufen, überladen zu sein: Für die Liturgie der katholischen Kirche ist Mozart so wichtig, dass Liebfrauen als katholische Zentrumskirche mit bedeutender Kirchenmusik-Vergangenheit den Schwerpunkt mitsetzen muss.

Wie würde Mozart selbst auf diesen Jubiläumsjahrmarkt reagieren, der um seinen 250. Geburtstag veranstaltet wird?
Er würde wohl die Popularität geniessen, die ihm Zeit seines Lebens nicht in gewünschtem Ausmass beschert war. Und ich hoffe, dass es ihn beglücken würde, dass in Liebfrauen seine für den Gottesdienst gedachte Musik auf konzertant hohem Niveau aufgeführt wird.

INTERVIEW: PIA STADLER

Stephan Klarer – ausgebildeter Kapellmeister und Chorleiter (Kantor) – ist seit 1994 als hauptamtlicher Kirchenmusiker an der Liebfrauenkirche mit der Leitung der vokalen und instrumentalen Ensembles beauftragt und zeichnet als künstlerischer Leiter für die Konzertreihe Geistliche Abendmusik verantwortlich. Daneben ist er seit 1999 Dozent für Chorleitung und Leiter des Motettenchors an der Hochschule für Musik und Theater Zürich.

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Stephan Klarer: „Differenziert, von kompositorischer Brillanz und Einfallsreichtum, erlangte Mozart ein bis dahin unerreichtes Niveau.“ FOTO: CHRISTOPH WIDER
MOZART AUF CD
Empfehlungen von Stephan Klarer

„Te Deum laudamus – Mozart: Kleine Kirchenwerke“. Collegium Musicum Luzern; Leitung: Alois Koch. Mozart-Gesellschaft, Obergrundstrasse 13, 6003 Luzern. Eine Schweizer Produktion mit Vorbildcharakter.

„Mozart: Requiem“. Monteverdi Choir; Leitung: John Eliot Gardiner. Philips 20197. Stilsichere und chorisch kaum zu überbietende Aufnahme.

„Mozart: c-Moll-Messe KV 427“. Neufassung von Robert D. Levin. Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart; Leitung: Helmuth Rilling. hänssler Classic/Naxos 98.227. Spannende Vervollständigung des originalen Fragments.

„Mozart: Complete sacred works“. 13 CDs. Concentus musicus Wien; Leitung: Nikolaus Harnoncourt. Teldec 3984-21885-2. Die Referenzaufnahme des grossen Pioniers der historischen Aufführungspraxis.

„Mozart: Epistle Sonatas“ (Kirchensonaten).The King’s Consort; Leitung: Robert King. Hyperíon CDA66377. Gelungene Gesamteinspielung auf historischen Instrumenten.