Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Augenblicke für ein Bild

Unterirdische Weihnacht

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Im antiken Rom war es verboten, Tote innerhalb der Stadtmauern zu begraben. Darum legten die Römer die Gräber der Verstorbenen entlang der Ausfallstrassen an. Angesichts der Verknappung und Verteuerung des Bodens lag es nahe, neben den oberirdischen auch unterirdische Bestattungsmöglichkeiten zu schaffen. Der weiche Tuff der römischen Campagna ermöglichte es, in mehreren Schichten übereinander oder parallel liegende und miteinander verbundene Gänge zu graben, die dicht mit einfachen Wandgräbern besetzt waren. Die sogenannten Katakomben wurden im 2. bis 4. Jahrhundert vorwiegend von Christen angelegt und benützt. Heute sind in Rom etwa 60 Katakomben bekannt mit 150–170 km freigelegten Gängen und Hunderttausenden von Gräbern.
Die Katakomben haben wahrscheinlich nie als Zufluchtsstätten der Christen in Zeiten der Verfolgung gedient, wie vor allem die romantische Literatur des 19. Jahrhunderts behauptete. Sie waren vielmehr reine Begräbnisstätten, in denen aber auch Märtyrer beigesetzt wurden. Da und dort trifft man auf grössere Grabkammern von vornehmen und wohlhabenden Familien, die oft mit Fresken geschmückt wurden, welche wertvolle Einblicke in die frühchristliche Glaubenswelt und zugleich in das allmähliche Entstehen einer christlichen Kunst bieten.
Die Priscilla-Katakombe im Norden der Stadt trägt ihren Namen nach ihrer Stifterin, die das Gelände bereitstellte, einer gewissen Priscilla aus der Patrizierfamilie der Acilier. Hier wurden auch sieben Päpste beigesetzt.
Zu den zahlreichen Fresken dieser Katakombe gehört eines der ältesten Weihnachtsbilder. Die flüchtige Malweise und die Beschädigungen lassen es heute fast wie ein modernes Gemälde erscheinen. Das Freskofragment aus dem frühen 3. Jahrhundert zeigt unter den Ästen eines Frucht tragenden Baumes Maria auf einem (inzwischen zerstörten) Stuhl sitzend, den Kopf zärtlich dem Kind zugeneigt, das sie nackt in den Armen hält.
Neben der Mutter mit dem Kind steht ein Mann, der als Prophet gedeutet wird. Er weist mit seiner rechten Hand auf den Stern, der links über dem Kopf Marias nur noch schwach zu sehen ist. Die meisten Interpreten sehen in dem Propheten darum Bileam, den geheimnisvollen, nichtjüdischen Magier aus dem Osten, der nach dem Buch Numeri beim Zug des Volkes Israel durch die Wüste eine rätselhafte Rolle spielt. Der Seher Bileam, der von Balak, dem König der feindlichen Moabiter, aus dem Osten geholt worden war, um die Israeliten auf ihrem Weg in das Gelobte Land zu verfluchen, konnte nach der Erzählung des Ersten Testaments diesen Auftrag nicht erfüllen. Denn an Stelle einer Verfluchung legte ihm Gott dreimal einen Segensspruch in den Mund. Das dritte dieser göttlichen Orakel enthält unter anderem diese Aussage: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel“ (Num 24,15–17).
Diese Weissagung deuteten viele auf den kommenden Messias. Christen wandten die für sie weitsichtigen Worte auf Jesus an. Bileam wurde zu einer Art Vorläufer der sterndeutenden Magier aus dem Osten, die nach der Erzählung des Matthäus nach Jerusalem kommen und fragen: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“ (Mt 2,2). Dazu passt, dass auch Katakombenbilder mehrfach die Huldigung der Sterndeuter aus dem Morgenland darstellen. Auch in der Priscilla-Katakombe gibt es ein Fresko mit diesem Motiv.
Der Stern, auf den Bileam hinweist, und der Stern, dem die Magier folgen, sind für die Christen der Frühzeit ein und derselbe. Er weist auf Jesus Christus hin, der für sie nicht nur ein Star, sondern „Sonne der Gerechtigkeit“ und „Licht der Welt“ war. Das Bild im unterirdischen christlichen Friedhof kann darum als Appell an die Sterblichen gelesen werden: Wer sich nach erfülltem Leben sehnt, folge diesem Stern, der unserem Lebensweg Licht und Orientierung geben kann.

WALTER ACHERMANN

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FOTO: WALTER ACHERMANN
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