Beten für die Welt
Wie eine Oase der Stille liegt das Kloster Fahr an diesem Novembermorgen vor den Toren der Stadt Zürich. Dichter Nebel schwebt über dem Limmattal und lässt die Umrisse der alten Gebäude nur schemenhaft erkennen. Innerhalb der Klostermauern ist freudige Aufregung spürbar. Für einmal ist die Klausur, welche die privaten Räumlichkeiten der Schwestern beherbergt, für ein Kamerateam des Schweizer Fernsehens geöffnet worden. Es ist der vierte Drehtag.
„Kamera läuft“: „Waren Sie ein frommes Kind?“, fragt Regisseurin Renata Münzel. „Nein“, lacht Schwester Marianne und schüttelt den Kopf. „Aber eine persönliche Beziehung zu Gott hatte ich schon immer.“ Schnitt.
Die 37-jährige Ordensfrau ist heute Hauptprotagonistin. Im langen Gang der Klausur erzählt sie aus ihrem Leben, vom Entscheid, den Schleier zu nehmen, spricht von Krisen, vor allem aber von der inneren Erfüllung, die das Klosterleben für sie bereithält: „Hier kann ich sein, wie ich bin. Ich kann mich mit meinen Fähigkeiten einbringen und werde getragen von der Begegnung mit Gott und den Mitschwestern.“
Schwester Marianne, Internatsleiterin der Bäuerinnenschule und Stellvertreterin der Priorin, ist die jüngste der 28 in Fahr lebenden Klosterfrauen. Zusammen mit ihrer ältesten Mitschwester Regula, die nächstes Jahr ihren 90. Geburtstag feiern kann und noch immer am Webstuhl arbeitet, und der Priorin Irene wird der Film sie durch einen Klostertag begleiten.
„In den 30 Minuten möchte ich die Betrachter in eine Welt führen, die ganz real im Heute existiert und gleichzeitig eine andere Zeit evoziert“, erklärt Autorin Renata Münzel. Der Film „Beten für die Welt“ will den Alltag im Kloster abbilden, auf Dreharbeiten an Feiertagen oder bei Messen mit externen Besuchern wird bewusst verzichtet.
„Kamera läuft“: Von der Kamera begleitet geht Schwester Marianne in Gedanken versunken durch die Klostergänge, betrachtet die Gemälde mit Szenen aus dem Leben des heiligen Benedikt, verteilt anschliessend energischen Schrittes die eingegangene Post. Schnitt.
Aus dem Off werden diese Szenen später von Texteinschüben begleitet werden – Gedanken zum Leben im geschlossenen Kloster, aber auch Hintergrundinformationen zur Geschichte des Benediktinerinnenklosters Fahr und der Lebensgeschichte des heiligen Benedikt von Nursia. Im Zentrum stehen für Renata Münzel die Menschen und ihre Erfahrungen. Die Faszination, die das Klosterleben auch auf sie ausübt, verhehlt sie nicht: „Ich liebe diese Welt voller Symbolik, diese langen Gänge, die Gelassenheit, welche die Klosterschwestern ausstrahlen.“ Einfühlsam und respektvoll zeigt sie zusammen mit Kameramann Daniel Leippert und dem Toningenieur Olivier Jean Richard die Schwes-tern in der Kirche, beim Singen und Beten, bei der stillen Kontemplation, bei der Arbeit und beim Essen, schweigend oder sich austauschend über Gott und die Welt.
Renata Münzel: „Die Frauen, die im Klos-ter Fahr leben, verweigern sich nicht der modernen Zeit, sie biedern sich mit ihr aber auch nicht an. Sie leben nach den alten benediktinischen Regeln. Sie haben ihr Leben der Gemeinschaft geweiht. Nicht nur der klösterlichen, sondern der Gemeinschaft aller Menschen. Mit ihren Gebeten leisten sie Fürbitte für alle, die in dieser Welt leben und leiden.“
„Kamera läuft“: Wein und Spirituosen, Honig, selbstgebackene Meringues, Bücher – das Angebot im Klosterladen ist reichhaltig. Das eintretende Ehepaar, das eigentlich das klostereigene Restaurant besuchen wollte, ist sichtlich beeindruckt. Freundlich erkundigt sich Schwester Martina, die gerade „Ladendienst“ hat, nach den Wünschen der Besucher. Von Nervosität ist nichts zu spüren. Das Auge der Kamera vermeidend ist die Klosterfrau ruhig und zurückhaltend wie gewohnt. Welches denn die Vorzüge des Klosterwassers seien, will die Besucherin wissen. Und der Wein stammt tatsächlich von Klosterreben? Schwester Martina erklärt, berät. Das Paar entscheidet sich schliesslich für den Kauf von Karten. Schnitt.
Die beiden waren ein Glücksfall für Renata Münzel – und allfällige Personen, die sonst als Statisten hätten herhalten müssen …
Das Drehbuch der Regisseurin ist detailliert, entsprechend minuziös waren die Vorbereitungen. Die Dreharbeiten dauern sieben Tage, mit Bildschnitt, Texten und Fertigstellung rechnet Renata Münzel mit 30 Arbeitstagen. Aus rund 480 Minuten gedrehtem Film wird dann ein Destillat von 28 Fernsehminuten entstanden sein.
Erstes Filmbild: Frühmorgens, 4.30 Uhr. Blick aus dem Klausurgarten auf die Klostermauer. Ein Fenster nach dem andern erhellt sich. Drinnen geht Schwester Marianne durch den Gang von Zelle zu Zelle, öffnet die Türe und zündet das Licht an mit den Worten „Gelobt sei Jesus Christus“. Nach der Antwort „in Ewigkeit Amen“ weiss sie, dass ihre Mitschwester wach ist. Bald beginnt in der Kirche die Vigil.
Letztes Filmbild: In der dunklen Kirche brennt ein Licht, wie es der heilige Benedikt angeordnet hat. Es leuchtet immer – für die Welt.
PIA STADLER
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