Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 26, 2006 Alles, was Odem hat
Menschen der Bibel: zum Beispiel Gott

Alles, was Odem hat

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Nach zwei Jahren schliessen wir unsere Rubrik „Menschen der Bibel“ mit einem Beitrag ab, der hier streng genommen gar nichts zu suchen hat. Gott ist nun wirklich kein Mensch der Bibel. Und doch trifft der falsche Übertitel ganz genau eines unserer grossen Probleme: Wie sollen wir uns Gott vorstellen, wenn nicht in menschlicher Gestalt?
Michelangelo jedenfalls hat unseren Schöpfer ungeniert als alten, erstaunlich vitalen, geradezu cholerischen Mann mit grauem Bart dargestellt. Und das immerhin in der Sixtinischen Kapelle, mitten im Hauptsitz der katholischen Kirche.
Bilderverbot hin oder her: Jahrhundertelang war es in der katholischen Kirche gang und gäbe, Gott als Mann darzustellen. Das ist heute nicht mehr opportun, weil diese Tradition gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau verstösst. Gott als Frau darzustellen ist demnach auch keine dauerhafte Lösung. Aber wie bitte soll ein Gott aussehen, der gleichzeitig Vater und Mutter ist?
Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, sobald ich mir von Gott ein Bild mache, gerate ich in grosse Nöte. Meine Phantasie ist offenbar dermassen begrenzt, dass ich mir unter Gott immer ein menschliches Wesen vorstelle und ihn damit unzulässig in ein Korsett zwänge. Und wenn ich ganz abstrakt bleibe, zerfliesst mir alles zwischen den Fingern, weil ich all meine Sinne zwanghaft ausschalten muss. Ich schaff es einfach nicht, zu einem höheren Wesen ohne Gestalt zu beten. Der vielbeschworene Dialog mit Gott ist schwierig genug. Wenn ich ihn schon führen soll, ohne eine Antwort wie aus dem Lautsprecher zu kriegen, dann will ich mir wenigstens ein Gegenüber vorstellen, das fassbar ist. Dass ich an Jesus Christus glaube, der gleichzeitig wahrer Mensch und wahrer Gott war, das macht es auch nicht gerade einfacher, mich mit einer Gottesvorstellung ganz losgelöst von jeder menschlichen Gestalt abzufinden.
Aber ist das denn wirklich so schlimm? Wir kommen in unseren Vorstellungen von Gott gar nicht ohne Hilfsbilder aus, die wir mit unseren menschlichen Kategorien benennen können. Wichtiger als ein Bilderverbot scheint mir deshalb, dass wir uns immer bewusst bleiben, dass all unsere Bilder und Vorstellungen dürftige Hilfskonstruktionen sind. Dass Gott jeden Rahmen sprengt, und sei er noch so weit gefasst. „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ ist und bleibt eine der tiefsinnigsten, dringendsten und anspruchsvollsten Weisheiten – und selbst der tiefste Glaube muss sich dieser Herausforderung stellen.
Und doch gibt es ein Bild von Gott, dem wir vertrauen dürfen. Gott ist Mensch geworden. Und das nicht nur dieses eine Mal. Gerade an Weihnachten wird uns bewusst, dass Gott immer wieder Mensch wird. In uns. In uns allen! „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ heisst es in einem Kirchenlied. Odem ist nichts anderes als Atem. Und es erinnert uns an die Erschaffung des Menschen, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat. Durch diesen Atem leben wir. In diesem Atem leben wir.
Wir hätten unsere Serie deshalb auch gut „Personen der Bibel“ nennen können. Mit „persona“ wurde in der Antike die Maske der Schauspieler bezeichnet. Durch diese Maske hindurch erklang (personare) die Stimme. Und dadurch erst wurde eine Rolle zum Leben erweckt. Wir Christen und Juden sind so gesehen alle Personen der Bibel, weil wir für Gott durchlässig sein wollen, weil aus uns sein Zuspruch zu jedem Leben, die frohe Botschaft erklingen soll.
Und gleichzeitig glauben wir, dass auch durch jedes Gegenüber Gott hindurchklingt, selbst wenn dieses Gegenüber unseren Glauben nicht teilt. Dass jeder Mensch eine Person Gottes ist und damit eine unantastbare Würde erhält. So könnten Versuche, Gott zu personalisieren, tatsächlich doch noch dazu beitragen, unseren irdischen Alltag etwas göttlicher zu gestalten.

THOMAS BINOTTO

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