Freudenbote und Sänger eines neuen Liedes
Jesaja wirkte im damaligen Südreich Juda zwischen 740 und 701 v. Chr., in der Zeit grosser äusserer Bedrohung durch Assyrien. Er war Prophet. Das heisst: Er nahm die Gegenwart schonungslos wahr und erkannte, was daraus werden würde. Er warnte vor politischen Fehlern und verbreitete Unruhe. Offenbar war er einflussreich und konnte unpopuläre Inhalte frei äussern. Vor allem aber wurden ihm nie gesehene Hoffnungsbilder zuteil von der Welt, wie sie sein könnte und sein wird. Seine Worte brachen und brechen verkrustete und ungerechte Strukturen auf.
Er beschreibt selber seine Vision, die ihn zum Propheten machte: Er sah Gott, umgeben von Engeln, Seraphim, die sich die Worte zuriefen, die wir heute noch im „Heilig, heilig, heilig“ beten und singen. Einer von ihnen berührte die Lippen des künftigen Propheten mit einem Stück glühender Kohle. Tatsächlich sind die Worte Jesajas von glühender Sprachkraft.
Vermutlich gehen nur die ersten 39 Kapitel des nach ihm benannten Buches auf ihn selber zurück. Er drohte darin den Nationen Strafe an, die Juda bedrängten. Er ging aber auch mit seinem eigenen Volk hart ins Gericht und geisselte Götzendienst, moralische Verdorbenheit und die ungerechte Verteilung des Besitzes. Die momentane grausame Herrschaft der Assyrer sei eine Strafe dafür. Doch Jesaja sah dahinter eine bessere Zeit voraus, einen Neuanfang und ein Reich des Friedens, hervorgerufen und getragen durch den Messias, einen Abkömmling aus dem Geschlecht König Davids. Ihm verdanken wir die Vision einer Versöhnung, die sogar die Gesetze der Biologie übersteigt:
„Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist“ (Jesaja 11,6–9).
Allem Anschein nach begründete Jesaja eine Prophetenschule, die über Jahrhunderte sein Werk weiterführte und sein Buch fortschrieb. Man spricht von einem zweiten (Deuterojesaja) und einem dritten Jesaja (Tritojesaja). Deuterojesaja wirkte in der Zeit des babylonischen Exils (586–538 v. Chr.) und gilt als Autor der Kapitel 40 bis 55. Dieser Teil beginnt mit den Worten: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.“ In der Tat enthalten seine Schriften, entstanden in der Gefangenschaft, Sprachbilder grosser Hoffnung. Wir kennen sie aus den Lesungen der Advents- und Weihnachtszeit. Der Blick weitet sich auf die ganze Schöpfung, die zum Ort des Heils werden wird.
In diese Heilsprophetie sind die vier Lieder vom Gottesknecht eingefügt. Der Gottesknecht ist der Erwählte Gottes, gesendet zu Israel und den Völkern. Er muss viel leiden, doch es ist ein stellvertretendes Leiden, das den Menschen Heil bringt. Vieles spricht dafür, dass Jesus selber sich als Gottesknecht gesehen hat.
Die letzten zehn Kapitel des Jesajabuches stammen aus der Zeit nach der Rückkehr aus dem Exil. Sie enthalten Droh- und Trostworte, darunter auch die berühmten Sätze, die Jesus auf sich bezogen hat: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung“ (Jesaja 61,1).
Die frühere Auffassung, Jesaja habe lediglich Jesus angekündigt, wird dem Propheten zu wenig gerecht. Doch hat Jesus selber bei Jesaja Antworten und Deutungen für das gefunden, was er war und wohl selber nicht immer verstand.
GISELA TSCHUDIN
GEMEINDELEITERIN ZÜRICH ST. MARTIN