Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Menschen der Bibel: zum Beispiel Nikodemus

Sieger aus dem Volk

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Gehen Sie auch gelegentlich einmal nachts durch die dunklen Strassen? Nur wenige Menschen sind noch unterwegs um diese Zeit. Manche machen den Eindruck, als ob sie im Schutz der Dunkelheit unterwegs sind zu Begegnungen, von denen man besser nichts weiss. Wieder andere scheinen gerade die Stille der Nacht zu geniessen, bei der sie endlich zur Ruhe kommen und über die Geheimnisse des Lebens nachdenken können.
Welche der beiden Motivationen damals Nikodemus antrieb, als er durch die nächtlichen Gassen Jerusalems zu Jesus ging, ist schwer zu sagen. Vielleicht hat er als Pharisäer und führender Mann unter den Juden tatsächlich ein Interesse daran gehabt, dass sein privater Besuch bei Jesus möglichst diskret bleibt. Vielleicht ist er als Schriftgelehrter aber auch nur der talmudischen Weisheit gefolgt: „Preiset den Herrn, alle Diener des Herrn, die ihr in den Nächten im Hause des Herrn steht … Das sind die Schriftgelehrten, die sich nachts mit der Torah befassen.“ Was gäbe es also für einen geeigneteren Moment als die Ruhe der Nacht, um mit diesem Rabbi Jesus, der offenbar von Gott gekommen ist, über die Geheimnisse der Torah zu sprechen?
Was auch immer die Motivation des Nikodemus gewesen sein mag, ich hoffe, er hat von dem Gespräch mit Jesus mehr verstanden als der Autor dieses Artikels. Wie so manche Gesprächspartner von Jesus im Johannesevangelium, denkt auch Nikodemus an irdische Dinge, während Jesus von himmlischen Dingen spricht. Missverständnis liegt in der Luft. Schwierig zu sagen, ob Nikodemus begriffen hat, was es heisst, aus dem Geist neu geboren zu werden. Aber die letzten Worte Jesu scheinen doch ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“
Ein erstes Mal versuchte Nikodemus die Wahrheit zu tun, indem er sich inmitten der Pharisäer und Hohenpriester für Jesus einsetzte: „Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?“ Noch versteckte sich Nikodemus mit seiner Sympathie für Jesus hinter dem Gesetz. Endgültig ans Licht kam seine Wahrheit erst, als er Josef von Arimathäa half, den Leichnam Jesu vom Kreuz zu nehmen. Etwa hundert Pfund Myrrhe und Aloe steuerte er persönlich zum Begräbnis bei.
Nikodemus ist keiner der begnadeten Jünger, die Jesus auf Anhieb folgen können. Er ist wie viele von uns einer, in dem der Glaube erst langsam wachsen muss. Aufgeweckt durch die Begegnung mit Jesus beginnt er zu suchen, Fragen zu stellen und in zahlreichen nächtlichen Stunden über Gott nachzudenken. Doch ganz allmählich siegt seine persönliche Überzeugung und er beginnt, aus der Masse seines Volkes herauszutreten. Was im nächtlichen Gespräch begann, findet seine Vollendung am hellen Tag. Gerade im Moment des vermeintlichen Scheiterns Jesu findet er den Mut, sich offen zu ihm zu bekennen. Dies macht ihn schliesslich zu dem, was in seinem griechischen Namen bereits zugrundegelegt ist: Nikodemus, „Sieger aus dem Volk“.

BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER AKI

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