Liebe Leserin, Lieber Leser
Ich bin offen gestanden kein spontaner Fan von Leitbildern. Sie werden mit viel Aufwand gemacht, mit Stolz präsentiert – und stehen danach unbeachtet im Büchergestell. Als das neue Leitbild der Zisterzienserinnen von Wurmsbach angekündigt wurde, habe ich deshalb nicht gerade einen Freudensprung gemacht. Als ich es dann aber gewissenhaft von vorne bis hinten durchgelesen habe, wurde ich in meinen Vorurteilen unsicher. Vielleicht betrachte ich Leitbilder buchstäblich von der verkehrten Seite?
Also habe ich versucht, meine Sicht umzukehren und das Leitbild nicht nach der Drucklegung, sondern vor der Drucklegung zu betrachten. Das Entscheidende für die Schwesterngemeinschaft in Wurmsbach waren wahrscheinlich all die Diskussionen, all die ganz konkreten und selbstkritischen Fragen, mit denen sie sich beim Erarbeiten des Leitbildes auseinandersetzen mussten. Wer sind wir? Was stellen wir dar? Was haben wir zu bieten? Wo sind unsere Schwächen? Wo unsere Stärken? Diese und viele andere grundsätzliche Fragen mussten gemeinsam geklärt werden, bevor ein Leitbild überhaupt entstehen konnte. Ich nehme an, die Schwesterngemeinschaft hat dadurch neu herausgefunden, was sie im Innersten zusammenhält und antreibt. Ihr Leitbild wäre demnach die Enthüllung eines neu gewonnenen Selbstverständnisses und auch Selbstbewusstseins.
Reicht dazu nicht die zeitlos gültige Ordensregel? Nein! Genauso wenig wie dem Christentum die Bibel reicht. Es braucht immer wieder die Auslegung in die jeweilige Zeit hinein, das Ringen um konkrete Glaubwürdigkeit. Wir werden nie damit fertig, in Wort und Tat Übersetzungsarbeit zu leisten – für uns selbst wie für andere. Das ist ein spannender, mühsamer, aber auch fruchtbarer Prozess, für den das Leitbild der Antrieb ist, aber nicht die eigentliche Motivation. Nach dem Leitbild ist vor dem Leitbild.
THOMAS BINOTTO