Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 24, 2006 Fortschrittlich und fromm
Geschichte

Fortschrittlich und fromm

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Heute gelten Klöster gerne als Hüter von Traditionen und Ritualen, als Orte der Abgeschiedenheit und Ruhe. Im Mittelalter war der Zisterzienserorden auch eine Hochburg des technischen Fortschritts.

Wir schätzen Klöster vor allem als Ort der Ruhe. Man gönnt sich Kloster auf Zeit, um der Atemlosigkeit einer aktivistischen Welt wenigstens für ein paar Tage oder Wochen zu entgehen. Ordensleute werden als spirituelle Lehrer und Lehrerinnen gerufen, die uns helfen, der Verzweckung des Lebens entgegenzuwirken. Rituale und Tradition erscheinen uns als wohltuende Ruhepole in einer hektischen Welt, die immer unübersichtlicher und kurzatmiger wird. Als Touristen stehen wir staunend in Klosteranlagen und saugen die scheinbare zeitliche Entrücktheit in uns auf. Kurz: Kontemplation erhält für viele Menschen plötzlich einen ganz neuen Stellenwert. Ruhig zu werden, genau hinzuhören und sich zu öffnen – das alles sind Tugenden, nach denen sich viele sehnen. Und Klostergemeinschaften werden in dieser Hinsicht geradezu als Kompetenzzentren wahrgenommen.
Wer das neue Leitbild der Zisterzienserinnen von Wurmsbach studiert, der wird all diese Elemente darin finden – aber nicht nur. Schon die Gestaltung der Broschüre befriedigt unsere Erwartungen nach Gediegenheit und braver Frömmigkeit nicht. Die Nonnen von Wurmsbach verstehen sich nach wie vor als kontemplative Gemeinschaft – aber als höchst aktive, die sich von dieser Welt nicht abgewandt hat, sondern auf ihre besondere Art gerade die Zuwendung sucht.

SELBSTVERSORGUNG ALS MOTOR
Das erinnert an die Anfänge und die Hochblüte des Zisterzienserordens im 12. bis 14. Jahrhundert, als der Orden in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht in Europa eine führende Rolle spielte. Dazu war es nicht etwa gekommen, weil man sich von den klösterlichen Idealen des heiligen Benedikt entfernt hatte. Im Gegenteil, der ursprüngliche Anstoss kam durch eine Rückbesinnung auf dessen Regel.
Dort hiess es nämlich: „Das Kloster soll womöglich so angelegt sein, dass sich alles Notwendige innerhalb der Klostermauern befindet, nämlich Wasser, Mühle, Garten und die verschiedenen Werkstätten, in denen gearbeitet wird. So brauchen die Mönche nicht draussen herumzulaufen, was ihren Seelen ja durchaus nicht zuträglich wäre.“ Diese Verpflichtung zur Selbstversorgung nahmen die Zisterzienser wieder sehr ernst, verbunden mit dem Willen zur Armut und Askese.
Was hatte das konkret zu bedeuten? Nach dem Vorbild des ersten Zisterzienserklosters von Cîteaux wurden bei Neugründungen bestehende Siedlungen gemieden und unkultiviertes Gelände gesucht. Allerdings war die Nähe eines Gewässers, wenn möglich ein Fluss oder Bach, praktisch unabdingbar. Dadurch konnte die Trinkwasserversorgung gesichert werden, aber auch eine hygienische Entsorgung der Abwässer und das Betreiben von Mühlen.
Wenn die Klostergemeinschaften ihre Selbstversorgung gewährleisten wollten, zog das eine erstaunliche Vielzahl von Konsequenzen nach sich und die Liste der technischen Entwicklungen, die von den Zisterziensern ausgelöst oder verbreitet wurden, ist dementsprechend eindrücklich: Sie gehörten zu den Pionieren in der Dreifelderwirtschaft, was zu einer markanten Erhöhung des landwirtschaftlichen Ertrags führte. Sie waren Pioniere bei der Einführung des Räderpflugs, bei dem das Erdreich nicht mehr nur geritzt, sondern wirklich umgegraben wurde. Sie waren führend in der Zucht hochwertigen Viehs. Auch im Weinbau leisteten sie Pionierarbeit, beispielsweise im Lavaux, wo sie schwer zugängliches Gebiet rodeten und terrassierten und damit die besten Lagen dieser Weinkultur erschlossen.
Die Zisterzienser waren wegweisend in der Nutzung der Wasserkraft, indem sie Stauwehre, Abzugsgräben und Zuflusskanäle bauten und damit ein raffiniertes System zur Wasserversorgung aufbauten. Sie waren wesentlich daran beteiligt, dass die Nockenwelle wieder entdeckt wurde, die man eigentlich seit der Antike kannte, aber kaum eingesetzt hatte. Dadurch konnten leistungsfähigere Mühlen gebaut werden. Auch die Walkmühlen haben Zisterzienser mitentwickelt. Dadurch konnten Tuche gereinigt, verfilzt, dichter und geschmeidiger gemacht werden. Eine Walkmühle leistete etwa so viel wie vierzig Arbeiter zusammen in mühsamer Fussarbeit.
In seiner faszinierenden – leider vergriffenen – Studie „Mönche als Pioniere: Die Zisterzienser im Mittelalter“ weist Ernst Tremp eine beeindruckende Vielzahl von Bereichen nach, in denen der Orden eine Vorreiterrolle übernahm. Sei es als Baumeister, sei es in der Ziegelfabrikation, im Bergbau, in der Nutzung von Salinen, in Mathematik und Geometrie bis hin zur Medizin. Selbst aus der Wirtschaftsgeschichte sind die Zisterzienser nicht mehr wegzudenken. In ländlichen Gebieten übernahmen die Klöster teilweise praktisch die Funktion eines Bankinstituts. Und in der Stadt Zürich unterhielten sowohl die Abtei Wettingen wie jene von Kappel am Albis Häuser, die dem Handel mit ihren Waren dienten. Der Zahltisch aus dem Kloster Wettingen gehört heute zu den Prunkstücken des Landesmuseums.

OPFER DES ERFOLGS
Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Zisterzienser zu innovativen Wirtschafts- und Technikpionieren werden konnten, war ihre enge internationale Vernetzung. Dadurch konnte erst ein Wissenstransfer stattfinden, den sonst niemand leisten konnte. Die Zisterzienser waren also so etwas wie ein „Global Player“ des Mittelalters. Äusseres Zeichen dafür war unter anderem ein einheitlicher Baustil in ganz Europa, so dass jede „Filiale“ dem „Leitbild der Firma“ entsprach.
Schon im Laufe des Mittelalters wurden die Zisterzienser aber zum Opfer des eigenen Erfolgs, so wie es vorher den Benediktinern und nachher den Bettelorden ergangen war. Sie waren technisch und wirtschaftlich schlicht zu erfolgreich, um nicht mit ihrem Armuts- und Askeseideal in Konflikt zu geraten. Ausgerechnet dadurch, dass der persönliche Besitz untersagt war, konnten sie Reserven anlegen und im Sinne des „Gesamtunternehmens“ investieren. Sie kamen der Verpflichtung zur Selbstversorgung derart effizient nach, dass sie fast zwangsläufig reich und mächtig wurden. Damit hatten sie ein Glaubwürdigkeitsproblem und in den Bettelorden eine Konkurrenz, die genau in diesem Punkt neue Radikalität versprach.
Eine Leistung der Zisterzienser bleibt jedoch bis heute aktuell: die Aufwertung der manuellen Arbeit. Bei ihnen war jeder Mönch zur körperlichen Arbeit verpflichtet. Mehr noch, sie betrachteten körperliche Arbeit als ein dem Gebet gleichwertiger Gottesdienst. Damit verlor die Arbeit ihr Stigma als knechtisches, untergeordnetes und minderwertiges Tun. Damit war der Grundstein zu einem neuzeitlichen Arbeitsethos gelegt, das nicht nur die katholische Soziallehre, sondern auch die säkulare Welt bis heute prägt.
Im Mittelalter konnten vor allem die Männerklöster derart nach aussen wirken, denn in den Frauenklöstern herrschte strenge Klausur. Das ist heute nicht mehr überall so, und damit lässt sich wieder die Brücke zum neuen Leitbild der Wurmsbacher Schwestern schlagen. In diesem kommt nämlich genau jene Symbiose von Alltag und Spiritualität, von Gebet und Arbeit zum Ausdruck, die den Orden im Mittelalter zum Motor des Fortschritts werden liess. Es wird ein zeitloses zisterzienserisches Gut sichtbar, das es in jeder Zeit neu zu entdecken gilt.

THOMAS BINOTTO

Neues Leitbild

Dass sich eine Zisterzienserinnenabtei ein Leitbild gibt, ist aussergewöhnlich. Dass dabei kein gediegen traditioneller Prospekt herauskommt, ist erst recht erstaunlich – vorausgesetzt, man hat die Wurmsbacher Schwestern noch nie erlebt. Sie getrauen sich, auch selbstkritische Fragen zu stellen wie: „Ist Wurmsbach wurmstichig?“ Ihr Leitbild ist grafisch aussergewöhnlich und inhaltlich anspruchsvoll gestaltet. Man muss sich auf den Weg einlassen, den diese aufwändig gestaltete Broschüre anbietet, und kann sich nicht einfach auf die Schnelle ein paar sogenannte Infos rauspicken. Das ist nur konsequent, denn schliesslich will man Frauen (und Männer) einladen, über einen herausfordernden Lebensweg nachzudenken.
Dieses Leitbild wird sicher nicht so lange halten wie die Ordensregel. Das muss es auch nicht. Denn erstens hat es nicht den Anspruch, die Ordensregel zu ersetzen oder neu zu erfinden, und zweitens ist sich die Frauengemeinschaft in Wurmsbach offenbar bewusst, dass sich gerade eine Ordensgemeinschaft immer wieder neu in Frage stellen muss, um glaubwürdige Antworten zu finden. So gesehen lebt das Leitbild der Spiritualität des Zisterzienserordens nach, indem es nicht die Abkehr vom Irdischen propagiert, sondern eine im Glauben und im Alltag geerdete Zuwendung. Also keine Absage, sondern eine Herausforderung an unsere Gesellschaft.


THOMAS BINOTTO

Artikelaktionen
Zisterzienser in der Schweiz

Die 1098 von Robert von Molesme im burgundischen Cîteaux gegründeten Zisterzienser verbreiteten sich rasant. Dazu trug vor allem Bernhard von Clairvaux bei, der 1112 mit 30 Gefährten in den Orden eintrat und eine der einflussreichsten geistlichen und politischen Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts wurde. 1127 wurde das Zisterzienserkloster in Wettingen gegründet und 1259 die Zisterzienserinnenabtei in Wurmsbach. In der Blütezeit des Ordens im 14. Jahrhundert gab es europaweit über 1500 Männer- und Frauenklöster. Um 1400 bestanden in der heutigen Schweiz 22 Frauen- und 8 Männerklöster. Heute existieren noch Frauenklöster in Eschenbach LU, Frauenthal ZG, Magdenau SG, La Maigrauge FR und Wurmsbach SG sowie das Männerkloster in Hauterive FR.


Kloster Magdenau
Kloster Magerau
Abbaye-hauterive