Die Friedenspfeife überm Videogerät
Ja, wo sind sie geblieben? Natürlich nicht die Indianer, sondern das, wofür die Indianer symbolisch stehen in diesem PUR-Song. Wo sind sie geblieben, und was ist aus ihnen geworden?
Zum Beispiel aus deinen Idealen von damals, als dein Leben noch jung war? Ehrlichkeit war dir immer wichtig, Echtheit, geradeaus gehen. Und wie oft führte der Weg dann über Kurven und Ecken, Kanten und Klippen? Wie oft ging es einen Schritt vor und zwei zurück? Wie oft bist du anstelle des schwierigen geraden Weges den bequemsten Umweg gegangen? Wie oft lockte der Kompromiss als Ausweg, aber dein Weg war es dennoch nicht?
„Unser Ehrenwort war heilig, bis der Erste sich belog.“
Was ist geworden aus deinen Träumen, deinen Plänen, auch deinen Hoffnungen von damals, als dein Leben noch jung war? Immer auf der Suche bleiben, sich nicht häuslich einrichten in all der Bürgerlichkeit des Alltags, wach bleiben, unterwegs sein, offen sein, nicht einrosten.
Und wie oft sitzt du heute im bequemen Fernsehsessel oder im weniger bequemen, aber doch komfortablen Chefsessel: zufrieden mit dir und deiner Welt? Satt, aber auch lustlos auf Neues? Und deine Suche beschränkt sich auf die nach Antworten in „Wer wird Millionär?“ oder neuen Absatzmärkten. Und deine Überzeugungen finden statt vor dem Fernseher, wo du sie einbringst in diverse Fernsehtalkshows. Die immerhin gewinnst du alle.
„Und die Friedenspfeife baumelt überm Videogerät.“ Da baumelt noch so einiges – all die erhängten und hängengebliebenen Träume: wacklig und im Winde schwankend.
Und was ist geworden aus euren gemeinsamen Plänen damals, als eure Liebe noch jung war? Niemals so werden wie die da! Den Weg miteinander gehen und nicht nur nebeneinander herlatschen. Auf gleicher Augenhöhe einander nicht aus den Augen verlieren. Eine Liebe, die nicht einschläft, sondern jeden Tag wieder neu ist. Niemals einander besitzen wollen.
Und wie oft habt ihr euch dann doch aneinander sattgesehen? Wie oft habt ihr einander auf dem Weg verloren: aus den Augen, aus den Herzen? Wie oft habt ihr euch gegenseitig auf eure Erwartungen festgelegt und das Leben genommen?
Und was ist geworden aus der Kirche von damals, als der Glaube noch jung war?
Eine Kirche, die eine Bewegung war und keine Institution. Die arm war und in der das Wort „Budget“ nicht vorkam. Die Jesus nachfolgte und nicht seine Sache verwaltete.
„Wie viel Träume dürfen platzen, ohne dass man sich verrät?“
Das ist die entscheidende Frage. Es ist schlicht eine Lebenserfahrung, dass Pläne scheitern, Wege anders verlaufen als geplant, Träume platzen. Aber wann ist der Augenblick, in dem ich mich selbst verliere? Wann ist der Augenblick, in dem unsere Liebe nicht mehr unsere Liebe ist? Wann ist der Augenblick, in dem die Kirche nichts mehr mit Jesus zu tun hat?
Wann ist der Augenblick, in dem die Friedenspfeife überm Videogerät nur noch einen zynischen Widerspruch bildet zu dem, wofür sie einmal stand?
Wolf Biermann singt in einem seiner Lieder: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“
Das mag sein. Der Satz kann aber auch eine billige Ausrede sein für alle, die sich selbst längst verloren haben: ihr Ich, ihre Liebe, ihren Glauben.
„Es gibt noch ein paar wenige vom Stamme der Schoschonen, die finden sich, erkennen sich am Blick.“
Zum Glück ist auch das eine Erfahrung. Denn die „vom Stamme der Schoschonen“, die gibt es tatsächlich.
Augen und Ohren auf, damit wir uns erkennen!
INGO BÄCKER
INDIANER
Wo sind all die Indianer hin,
wann verlor das grosse Ziel den Sinn?
Dieses alte Bild aus der Kinderzeit
zeigt alle Brüder vom Stamm der
Gerechtigkeit.
Wir waren bunt bemalt und mit wildem Schrei
stand jeder stolze Krieger den Schwachen bei.
Unser Ehrenwort war heilig,
nur ein Bleichgesicht betrog,
und es waren gute Jahre,
bis der Erste sich belog.
Wo sind all die Indianer hin,
wann verlor das grosse Ziel den Sinn?
So wie Chingachgook für das Gute stehn,
als letzter Mohikaner unter Geiern nach dem Rechten sehn.
Der „Kleine Büffel“ spielt heute Boss,
er zog mit Papis Firma das grosse Los.
„Geschmeidige Natter“ sortiert die Post,
und in seiner Freizeit sagt er meistens „Prost“!
Und die Friedenspfeife baumelt überm
Videogerät:
Wie viel Träume dürfen platzen,
ohne dass man sich verrät?
Wo sind all die Indianer hin,
wann verlor das grosse Ziel den Sinn?
So wie Chingachgook für das Gute stehn,
als letzter Mohikaner unter Geiern nach dem Rechten sehn.
Es gibt noch ein paar wenige vom Stamme der Schoschonen,
die finden sich, erkennen sich am Blick.
Und deren gute Taten kann man nur durch Freundschaft belohnen,
sie nehmen ein Versprechen nie zurück.
PUR
PUR: „Seiltänzertraum“
Capitol Music Germany