Liebe Leserin, Lieber Leser
Die katholische Tradition liebt Zahlen, Formeln und Schemas. So kennt sie drei göttliche Tugenden, vier Kardinaltugenden, sieben Gaben des Heiligen Geistes, fünf Gebote der Kirche, sieben leibliche und sieben geistige Werke der Barmherzigkeit und sieben Hauptsünden. Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit werden umgangssprachlich als die sieben Todsünden bezeichnet – ein Begriff, der reichlich antiquiert tönt und allerhand unangenehme Assoziationen hervorruft. Dass sein Inhalt aber nach wie vor aktuell ist, beweist nicht nur eine gleichnamige Glace-Werbung.
So sind beispielsweise Soziologen der Ansicht, dass der Neid ein wichtiger Leistungsansporn ist und darüber hinaus eine bedeutende gesellschaftsformende Funktion hat. Denn das wichtigste Motiv, sich in eine Gesellschaft einzufügen, sei die Furcht, den Neid anderer zu erregen und damit Feindseligkeiten zu provozieren. Zwar könne Missgunst auch zerstörerische Kräfte wecken, doch der Mensch müsse vergleichen, um sich zu orientieren und ein Selbstbild zu entwickeln. Und während noch 1896 in einem kirchlich approbierten Lehr- und Gebetbuch zu lesen war: „Wie die Kräfte des Leibes, also erhält die Keuschheit auch die Kräfte des Geistes“, betonen Psychologen heute, dass regelmässiger Sex zur seelischen Gesundheit beitrage und erst noch dem Herzinfarkt vorbeuge.
Was einst als Laster galt, soll also plötzlich Tugend sein? So einfach ist es wohl nicht. Was aber hat es auf sich mit den sieben Todsünden? In einer neuen forums-Serie gehen verschiedene Autorinnen und Autoren diesen urmenschlichen Gefühlen auf den Grund – ohne Moralin, dafür mit Tiefsinn und Fachkenntnis.
JUDITH HARDEGGER