Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 23, 2006 Ich sündige, also bin ich
Die sieben Todsünden

Ich sündige, also bin ich

Artikelaktionen
Wer Mensch wird, der wird früher oder später sündigen, selbst wenn er noch viel später hoffentlich heilig wird. Eine satirisch unterlegte Einführung in ein ernstes Thema, das für die Psychologie genauso brisant ist wie für die Theologie.

Wer den sieben Todsünden auf die Spur kommen wollte, der schien bis vor kurzem einem Phantom nachzujagen. Fürsorglich wurde alles von uns ferngehalten, was die Religion anstrengend zu gestalten drohte. Höchstens unter dem Stichwort „Sünde“ – wo noch vorhanden – wurde verschämt das düstere Erbe unserer vorfreudianischen Vorfahren erwähnt.
Das hat sich radikal geändert: Es gibt wieder einige Bücher, die sich exklusiv und ausführlich diesem Thema widmen. – In der Hitze einer vergangenen Sommerzeit wurden die Todsünden zum Verkaufsargument für eine Glace-Kollektion. – Und im eben vergangenen Sommer widmete sich ausgerechnet unser Jugendlichkeits-Sender DRS 3 stundenlang diesem einst so tabuisierten Thema. Ob damit bereits eine moraltheologische Trendwende sichtbar wird, bleibt allerdings fraglich.
Während Todsünden scheinbar ein Modethema ohne religiösen Anspruch geworden sind, beharrt der Katechismus der katholischen Kirche auf seiner klaren Position: „Wenn der Wille sich zu etwas entschliesst, was der Liebe, durch die der Mensch auf das letzte Ziel hingeordnet wird, in sich widerspricht, ist diese Sünde von ihrem Objekt her tödlich.“ Diese Definition beruht auf Thomas von Aquin, wenngleich selbst das Lehramt offensichtlich psychologisch geschult ist und deshalb der klassischen Definition einschränkend hinzufügt: „Triebimpulse, Leidenschaften sowie von aussen ausgeübter Druck oder krankhafte Störungen können die Freiheit und die Willentlichkeit des Vergehens vermindern.“ Also auch hier nichts mehr mit der reinen Lehre von der Todsünde.

ORDNUNG IN DIE ZÜGELLOSIGKEIT
Wer, so lautet die fundamentale Frage, wer hat sie eigentlich erfunden, die Todsünden? Es war Gregor der Grosse (um 540–604). In seinem Kommentar zum Buch Hiob ruft er sie beim Namen: „Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmässigkeit, Trägheit“. Und doch stimmt es nicht ganz, wenn man Gregor den schwarzen Peter zuschiebt, denn das Wort „Todsünde“ braucht er nie. Hauptsünden heissen sie bei ihm, weil er sie für die Urväter und -mütter jeglicher Sünde hielt. Sie sind sozusagen die Palette, aus dem unser schändliches Treiben gemischt wird. Erst später wurden daraus Todsünden, denn man hielt sie für so schlimm, dass dafür der ewige Tod der Seele drohte, die ultimative Verbannung in die Hölle.
Natürlich beruft sich Gregor in seinem Sündenkatalog auf die Bibel (vgl. Galaterbrief 5,19–21 oder Matthäus 15,19) – so wie es sämtliche Kirchengesetze und all die nachfolgenden Tonnen und Abertonnen von theologischer Literatur getan haben.
Weshalb wurde eine solch geballte Ladung Systematisierung überhaupt nötig? Weil die Bibel ein lausiges Redaktionsteam hatte und deshalb Legionen von Theologen Ordnung ins Chaos bringen mussten. So auch Gregor. Mit durchschlagendem Erfolg, wie der theologische Ermittler heute feststellen kann, der vor lauter Moraltheologie die Todsünde oft nicht mehr sieht. Nach Lust und Laune wurden Todsünden hinzugefügt und abgeschafft – immer quotenbewusst und genau beobachtend, was gerade im Trend war. Nur Platz 1 blieb konstant der Unkeuschheit vorbehalten. Sie galt immer als die beliebteste und damit auch die gefährlichste aller Todsünden.
Und wie wird man seine Todsünden wieder los? Lässliche Sünden lassen sich direkt mit Gott regeln, die Todsünden dagegen müssen zwingend gebeichtet und gebüsst werden, andernfalls droht der Kirchenausschluss. In den frühen Jahrhunderten des Christentums musste man sogar öffentlich vor allen Gläubigen sein Schuldbekenntnis ablegen. Und das scheint gewirkt zu haben, denn ab sofort traten nur noch ganz selten Todsünden zutage. Das änderte sich erst wieder, als die iro-schottischen Mönche gegen Ende des 1. Jahrtausends ein ausführliches Sündenregister herausgaben und die Einzelbeichte einführten. Ab sofort konnte man einem Priester beichten, und der durfte niemandem davon erzählen. Böse Zungen behaupten, von da an habe das Spekulieren über die Sünden der anderen fast noch mehr Spass gemacht als das Sündigen selbst.
Aber die Reformatoren, die werden doch endlich die ersehnte Lockerung gebracht haben? Falsch gehofft. Johannes Calvin hielt rigoros fest: „Jede Sünde ist Todsünde; denn sie ist eine Auflehnung gegen den Willen Gottes, die notwendig seinen Zorn herausfordert.“ Kein Wunder, fürchten sich die Protestanten genauso vor der Sünde wie die Katholiken – nur dass sie nicht zur Beichte gehen können.

KOMISCHE VERRENKUNGEN
Erst die Moderne hat den Todsünden scheinbar den Garaus gemacht. Aus Stolz wurde Selbstbewusstsein, aus Habsucht Geschäftstüchtigkeit, aus Neid gesunder Ehrgeiz, aus Zorn Konfliktfähigkeit, aus Unkeuschheit Sinnlichkeit, aus Unmässigkeit Hingabe und aus Trägheit Gelassenheit. Aber mit den schönen Wörtern war gar nichts gelöst – dafür wurde es teurer. Anstatt zur Beichte müssen die Menschen nun in die Psychotherapie, wo es keine Garantie auf Lossprechung gibt.
Sind satirische Töne angesichts der Abgründe, die sich durch das Sündigen öffnen, überhaupt erlaubt? Das allgemeine Klischee behauptet, im Mittelalter hätten den Menschen vor lauter Höllenangst pausenlos die Zähne geklappert. Wirklich? Die Portale gotischer Kathedralen, die geistlichen und weniger geistlichen Spiele, die schrecklichen Weltgerichtsdarstellungen, die Totentänze, sie alle zeugen auch von einem grossen Gelächter über unsere Sünden und unsere darauf folgenden Vertuschungsversuche. Es gehörte damals sogar zum guten Ton, über das Böse zu lachen, um damit gewissermassen dem Teufel Hörner aufzusetzen.
In späteren Jahrhunderten muss man sich eher mit unfreiwilliger Komik begnügen. Beispielsweise, weil der Jesuit Claudius Lacroix vor dreihundert Jahren festgestellt hat, dass ein einziger Tropfen Alkohol die Differenz zwischen angeheitert und besoffen ausmache – zwischen Lebensfreude und Todsünde. Aber selbst ein sittsames Zitat aus einer klassischen Einführung in die Moraltheologie von 1989 kann für Heiterkeit sorgen: „Es widerspricht guter Menschenkenntnis und der Pädagogik der Freiheit, wenn Rigoristen annehmen, dass vorübergehendes lustvolles Denken an sexuelle Dinge, ein lustbetonter Kuss zwischen Verlobten und dergleichen objektiv als Todsünden anzusehen sind.“
Alle, die nach dieser Einführung eine „sauglatte“ Serie zum Thema „Todsünden“ befürchten, werden an dieser Stelle beruhigt aufatmen können. Unsere Autorinnen und Autoren werden mit dem nötigen Ernst an die Sache herangehen. Dennoch kann es nicht schaden, sich hin und wieder vor Augen zu führen, dass man es auch mit Humor und Witz ganz und gar ernst meinen kann.

THOMAS BINOTTO

Artikelaktionen