Die "Mona Lisa"
Und das meint der Decoder dazu: Wen hat Leonardo da Vinci auf der „Mona Lisa“ porträtiert? Weshalb hat er jahrelang an diesem Bild gearbeitet? Hängt heute wirklich das Original im Louvre? Nur eine Frage stellt sich nicht: ob da Vinci damit seine Verehrung für das Weibliche ausdrücken wollte. Frank Zöllner, einer der renommiertesten Da-Vinci-Kenner, entlarvt das kurzerhand als Mumpitz: „Tatsächlich war Leonardo entschieden kein Verehrer des Weiblichen, eher ein Verehrer grosser Jungs.“ Nicht einmal gegen die geltenden Konventionen habe er verstossen – im Gegenteil: Leonardo hielt sich treu an die Gepflogenheiten der damaligen Zeit. Mona Lisa weist uns ihre linke Wange zu. Diese gilt nach der damaligen Bildersymbolik als die geringere Gesichtshälfte. Die edlere ist dagegen die rechte. Diese dem Betrachter zu zeigen war damals aber dem Mann vorbehalten. Ausgerechnet die „Mona Lisa“ ist damit ein Beleg dafür, dass um 1500 die Frau ganz selbstverständlich dem Mann untergeordnet wurde.
Die Geheimnisse der „Mona Lisa“ sind also andere, wie Peter O. Chojewitz, ebenfalls Da-Vinci-Kenner, herausstreicht. Beispielsweise wurde bis heute nicht geklärt, weshalb Leonardo ausgerechnet an diesem Bild beinahe zwanzig Jahre gearbeitet und es angeblich auf all seinen Reisen mit sich geführt hat. Selbst ob er darauf wirklich Mona Lisa del Giociondo, die Frau eines Seidenhändlers aus Florenz, dargestellt hat, ist nicht ganz gewiss. Wenn man dem als Quelle nicht sehr zuverlässigen Maler und Künstlerbiografen Giorgio Vasari (1511–1574) glauben darf, wäre dann wenigstens das Geheimnis um das seltsam gequälte Lächeln der Mona Lisa gelüftet: „Mona Lisa war sehr schön, und Leonardo gebraucht noch die Vorsicht, dass er beim Malen ständig jemanden in der Nähe hielt, der sie durch Gesang oder Lautenspiel oder lustige Geschichten erheiterte, um so den melancholischen Zug zu verbannen, der sich allzu oft auf dem Antlitz von Porträtierten zeigt.“
Ebenso spannend wie die Entstehungsgeschichte ist die Frage, weshalb die „Mona Lisa“ zum berühmtesten Gemälde der Welt wurde. Sie hing nämlich auch schon ziemlich unbehelligt bei einem französischen König im Badezimmer, bevor sie im 19. Jahrhundert von schwülstigen Romantikern als Verkörperung all ihrer Männerträume entdeckt wurde. Den Durchbruch zum Weltstar legt Chojewitz allerdings punktgenau auf den 21. August 1911 fest, als die „Mona Lisa“ vom italienischen Schreiner Vincenzo Perugia aus dem Louvre gestohlen wurde. Zwei Jahre bewahrte er das Bild in seiner Mansarde auf. Erst als er es 1913 den Uffizien in Florenz verkaufen wollte, flog der Diebstahl auf. Derweil hatte man zwei Jahre lang auf der ganzen Welt nach dem Bild gesucht, war zahllosen Fälschungen und falschen Fährten nachgejagt, so dass man sich, als das Bild wieder auftauchte, nicht mehr sicher war, ob nun tatsächlich wieder das Original an der Wand hing. Was damals geschah, war paradox: Erst als im Louvre eine leere Stelle prangte, setzte sich die Mona Lisa weltweit in den Köpfen der Menschen als Inbegriff eines Gemäldes fest.
THOMAS BINOTTO