Professionalität und Würde
Eine weisse Tafel mit Namen von Männern und Frauen hängt neben der Tür zum Kühlraum. „Hierher bringen die Bestatter vom Fahrdienst die Särge mit den Verstorbenen“, beginnt William Gienuth die Ausführungen zu seinem Arbeitsplatz im Zürcher Krematorium Nordheim. In der Aufbahrungshalle stehen an die zwanzig Särge. Hin und wieder müssten sie Verstorbene auch umsargen oder anders kleiden. Wunden oder Entstellungen würden, abgedeckt, insbesondere wenn Angehörige die Person nochmals sehen möchten.
Eine solche Nähe zum Tod ist nicht jedermanns Sache. In Gienuths Erläuterungen zeigen sich Professionalität und Routine, gleichzeitig strahlt er eine respektvolle Haltung aus. Der Umgang mit Toten gehört für ihn zum gewöhnlichen Arbeitsalltag.
Neben dem normalen Kühlraum befinden sich Spezialkühlräume, die etwas kälter sind: „Hier sind jene Verstorbenen, die länger da bleiben, bevor sie kremiert werden. Sei es, weil ihre Identität noch ungeklärt ist oder weil Angehörige erst vom Ausland anreisen.“ Auch für Katastrophenfälle sei man gerüstet. Dazu habe die Kantonspolizei zusammen mit der Rechtsmedizin spezielle Räume eingerichtet. „Und was leider je länger, je mehr gebraucht wird, ist der Tiefkühlraum. In unserer anonymisierten Gesellschaft kommt es immer öfter vor, dass jemand in seiner Wohnung stirbt und keiner bemerkt es. Erst wenn die Nachbarn im Treppenhaus einen seltsamen Geruch wahrnehmen, wird das Bestattungsamt alarmiert.“
Im gleichen Stock befinden sich die Aufbahrungsräumlichkeiten. Es herrscht eine angenehm ruhige, ja fast sakrale Atmosphäre. Kleine Tische mit Sitzgelegenheiten stehen vor den Aufbahrungszimmern, zu denen Angehörige, wenn sie das wünschen, 24 Stunden Zutritt haben. Auf die Frage, ob er die Leute begleite, wenn sie Verstorbene nochmals sehen möchten, meint William Gienuth: „Wenn das gewünscht wird, ja. Die meisten Angehörigen wollen nicht viel reden. Es kann aber schon mal vorkommen, dass jemand ganze Lebens- und Sterbensgeschichten erzählt.“ Ob dieser Teil seiner Arbeit nicht besonders belastend sei? „Man muss Abstand halten können, auch wenn Leute weinen oder erzählen. Natürlich hört man zu, tröstet auch mal, doch die Distanz muss gewahrt bleiben, sonst macht einer diesen Job nicht lange.“ Was nicht heisst, dass Gienuth einfach alles kalt lässt. Gerade Unfälle, bei denen sehr junge Menschen sterben, würden ihm oft zu denken geben.
Ist es seiner Meinung nach sinnvoll, Verstorbene vor der Bestattung nochmals anzusehen? „Das kann man nicht generell sagen“, lautet die Antwort. „Natürlich kann diese Art von Abschiednehmen wichtig und richtig sein. Doch ich meine, es gibt Fälle, wo es besser ist, einen Menschen so in Erinnerung zu behalten, wie er zu Lebzeiten war.“
MONATLICHER DIENSTWECHSEL
Nächste Station: der Ofenraum. Auch hier herrscht eine würdevolle Atmosphäre, Kunstbilder hängen an den Wänden. „Durchschnittlich gibt es zwanzig Kremationen pro Tag, 6500 pro Jahr. Das Verhältnis von Kremationen zu Erdbestattungen beträgt in Zürich 85 zu 15, Tendenz steigend“, erklärt Gienuth. Eine hochmoderne Computeranlage steuert und überwacht den Verbrennungsvorgang in den Elektroöfen. Fast alles läuft automatisch. Dennoch sind immer zwei Mitarbeiter anwesend. Einer oben bei den Öfen, einer unten, wo die Urnen abgefüllt werden. Vor diesem Abfüllen muss allerdings die Asche mit einem Magnet von Metallteilen gesäubert werden. Gienuth zeigt, was dabei zuweilen zum Vorschein kommt: Sargnägel, künstliche Hüftgelenke, Herzschrittmacher oder anderes orthopädisches Material.
Doch damit ist das Tätigkeitsfeld der Mitarbeiter des Krematoriums noch immer nicht vollständig. Auch in der Bestattungsbegleitung auf den Friedhöfen in Zürich Nord kommen sie zum Einsatz, während sie in den Abdankungshallen den Sigristendienst übernehmen. Wenn sie im Blumenraum eingeteilt sind, walten sie als Portiers, nehmen Blumenlieferungen entgegen oder verpa-cken und verschicken Urnen. Die Angestellten wechseln im monatlichen Turnus den Arbeitsdienst.
Seine Einstellung zum Tod habe sich durch die Arbeit im Krematorium nicht gross verändert. „Ich nehm’s so, wie’s kommt, man kann ja doch nichts ändern. Überzeugt bin ich nur von dem, was ich sehe. Alles andere ist Glaubenssache. Man kann es einfach nicht wissen.“
JUDITH HARDEGGER