Spiritualität leben
„Es kommt nicht darauf an, wie viel wir tun, sondern wie viel Liebe, wie viel Aufrichtigkeit, wie viel Glauben wir in unser Tun legen.“ Mit diesem Zitat von Mutter Teresa beginnt die 23-jährige Simone den Abend. Eine Gruppe von acht jungen Erwachsenen findet den Weg in den besinnlichen, mit Kerzen geschmückten und mit Meditationsböckchen ausgelegten Raum. Minuten vor Beginn der Vesper betreten junge Menschen ruhig den vorbereiteten Ort und sitzen in Stille zusammen – Hektik und auch die Schuhe bleiben draussen. Simone führt feinfühlig und gekonnt durch die Feier: Gehaltvolle Zitate und Gedanken, umrahmt und eingebettet in viel Gesang und Stille. Mit den Jahren entwickelte sich ein roter Faden, an dem sich jede Jugendvesper in ihrem Ablauf orientiert. Von Beginn an war die Vesper stark von Taizé geprägt. So hört man denn auch an diesem Abend Taizé-Gesänge. Die kleine Gruppe schafft es, den Raum zum Klingen zu bringen. Man singt von Herzen. „Hör nicht auf, mich zu träumen, Gott; ich will nicht aufhören, mich zu erinnern, dass ich dein Baum bin.“ Diesen Gedanken aus einem Gedicht von Dorothe Sölle nimmt Simone mehrmals auf. In ihrem Impuls verbindet sie eindrücklich das Bibelwort (Mt 7,1–23) mit dem Zitat von Sölle. „Gott wünscht sich, dass wir wachsen, dass wir werden, wie er uns schon immer sieht“, führt sie aus.
Mit der Jugendvesper reagierte ein Team von Jugendarbeitern und -seelsorgern vor rund sieben Jahren auf das Bedürfnis nach einem spirituellen Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Initiatoren waren Ronald Jenny von der katholischen Jugendseelsorge Zürich, Simon Peng und Lukas Bucher von der Zürcher Stadtpfarrei Liebfrauen und Andreas Beerli aus der Pfarrei Bruder Klaus. Von Anfang an wollten sie pfarreiübergreifend und ökumenisch zusammenarbeiten. Gemeinsam suchte das Team nach einer geeigneten Form, hat viel experimentiert, bis sich schliesslich eine meditative Feier mit klaren Strukturen durchsetzte. Junge Erwachsene, die regelmässig an der Feier teilnahmen, wuchsen über die Jahre ganz selbstverständlich ins Team hinein. Es hat sich ein fester, treuer Kern von Ehrenamtlichen gehalten, die abwechslungsweise die Vesper gestalten. Sie haben hier einen Ort, an dem die Sehnsucht nach gelebter Spiritualität und Freundschaft eine Antwort findet. Zwischen 5 und 15 junge Menschen aus dem ganzen Kanton feiern jeweils am Sonntagabend zusammen. Die an diesem Abend Jüngste erzählt, wie sie die Jugendvesper kennenlernte: „Ich bin über den Glaubenskurs der katholischen Jugendseelsorge zu diesem Kreis gestossen. Früher waren Kiffen und Disco wichtiger. Das ist jetzt anders.“
Bis vor zwei Jahren traf man sich zweimal im Monat in der Predigerkirche in Zürich. Das war jeweils mit grossem Aufwand verbunden. Lange fanden nur noch sehr wenige Interessierte den Weg in die Jugendvesper. Das Team kam nicht um die Frage herum – weitermachen oder abbrechen?
Heute sitzen fünf junge Menschen nach der Vesper in den Räumen der Jugendseelsorge zu einem gemütlichen Apéro und Austausch zusammen. Dieses Zusammensein ist ein wichtiger Teil im Anschluss an jede Feier. „Irgendwann haben wir entschieden, dass wir die Vesper für uns machen. Seither läuft es! Das hat die Situation entspannt.“ Die jungen Menschen kommen nicht in Massen, aber einige kommen regelmässig und schätzen diesen Ort, an dem sie gemeinsam Spiritualität leben und teilen können.
ANDREA THALI