Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 22, 2006 SOS Narrenschiff
GLOSSE

SOS Narrenschiff

Artikelaktionen

Ich fordere Altersfreigaben für Kirchenräume – eine freiwillige Selbstkontrolle wie in der Filmwirtschaft. Das ist mir in den Ferien klar geworden, als ich vor einem riesigen Altar aus dem 15. Jahrhundert sass, der dem Drachenbezwinger Georg und seinem Martyrium gewidmet ist. Wie eine Erleuchtung überkam es mich: Es kann fatale Folgen haben, wenn wir unsere Jugendlichen von der Gewalt in Kino-, Fernseh- und Computerspielprogrammen wegholen und dem frommen Zeitvertreib in unseren Kirchen zuspielen.
Ausgerechnet im sakralen Raum könnten sie Bildwerk ausgesetzt sein, das alles in den Schatten stellt, was ihnen bislang geboten und von den Eltern eben grade noch toleriert wurde. Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als ich vor dem Altar des heiligen Georg sass und Zeuge wurde, wie er in einem Bottich mit flüssigem Metall sitzen musste, nackt durch die Strassen geschleift wurde, man ihn auf einen Rahmen gespannt und gestreckt hat und wie er schliesslich bei immer noch lebendigem Leib zersägt wurde. Das alles musste ich mit ansehen, weil der Maler des Altars offenbar nichts von subtil verschlüsselten Botschaften hielt. Er hat Bild für Bild in den schrecklichsten Farben die Qualen des heiligen Georg ausgemalt. Mit mehr Lust am Leiden, als für uns gut ist – und mit weit weniger Frömmigkeit, als wir erwarten.
Wer seine Jugend also zur Kirche schickt, der sollte sich darüber im Klaren sein, welchen Gefahren er sie unter Umständen aussetzt. Natürlich gibt es Kirchen, die garantiert nicht jugendgefährdend sind, weil sie entweder nur fades Kunstgewerbe aus dem letzten Jahrhundert darbieten oder frommen Kitsch in bunten Farben. Die schlimms-ten Assoziationen, die hier geweckt werden, gehen in Richtung Blauschimmelkäse und Walt Disney. Einer Freigabe ab sechs Jahren steht in diesen Fällen nichts im Wege.
Die meisten Kirchen müssen allerdings mit einer Freigabe ab zwölf Jahren rechnen. Selbst die biedere Barockdorfkirche birgt ein breit gefächertes Waffenarsenal und drastische Gewaltdarstellungen. Die kunstgeschichtlich wertvollen Kirchen, insbesondere die erhabenen Kathedralen der Gotik, dürften sogar erst ab 16 Jahren aufgesucht werden. Und jene Erwachsenen, die besorgt um das Seelenheil der verderbten Jugend beten, knien nicht selten ergriffen vor gewalttätigen Scheusslichkeiten, für die eine Jugendfreigabe bei gesundem Elternverstand gar nicht in Frage kommt.
Eintrag ins Logbuch: Wenn Kinder in der Kirche verklärt nach oben blicken, dann sind sie wahrscheinlich von den Folterwerkzeugen fasziniert, die sich um unsere Heiligenstatuen ranken.

THOMAS BINOTTO

Artikelaktionen
Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.
Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.