Liebe Leserin, Lieber Leser
Schlaf und Tod gelten in unserer Tradition als Verwandte. In einem Nachtgebet aus dem Stundenbuch heisst es: „Schon wirft die Erde sich zur Nacht des dunklen Mantels Falten um. Der Schlaf, des Todes sanftes Bild, führt uns dem Grab des Schlummers zu.“ Das ist wunderschön gedichtet und gleichzeitig nicht verharmlosend, denn es schimmert bei aller Poesie immer noch durch, dass der Tod nichts Sanftes ist.
Was mich an solchen Gebeten immer wieder berührt und einen selbstkritischen Nachhall bewirkt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie den Tod ins alltägliche Leben einbetten. Mein Umgang mit dem Tod ist meistens genau entgegengesetzt: Ich verbanne ihn aus meinem Sinn, will davon nichts sehen und hören. Dabei weiss ich im Grunde ganz genau, wie verhängnisvoll und nutzlos diese Taktik ist, denn sie wird dazu führen, dass mich der Tod nur umso brutaler überfällt.
Viel weiter käme ich mit einem solchen Nachtgebet, wenn ich jeden Tag ausspräche, dass der Tod zu meinem Leben gehört. Das wäre keine morbide Übung, sondern ein Gebot rationaler, psychologischer und religiöser Klugheit. Rational, weil ich mir mit der Geburt und dem Leben zwangsläufig den Tod eingehandelt habe; psychologisch, weil ich der Angst nicht mit Verdrängung, sondern mit Annahme begegnen würde; und religiös, weil das ewige Leben nur durch diese eine Türe zu erreichen ist.
Wir haben in diesem forum zu Allerheiligen und Allerseelen drei Menschen porträtiert, für die der Tod zum Berufsalltag gehört. Ihre Geschichten sorgen nicht für Spektakel und Sensation. Sie sind ganz bewusst nicht exklusiv, sondern inklusiv. Sie erzählen von Integration, nicht von Verdrängung, von einem Leben, in dem der Tod alltäglich geworden ist. Davon können wir eine ganze Menge fürs ganze Leben lernen.
THOMAS BINOTTO