Leben in Stein gemeisselt
Die Sonnenstrahlen, die an diesem Herbstmorgen durchs Dachfenster fallen, tauchen die Werkstätte in warmes Licht. Die beiden Engel, der Jüngling, der zum Abschied winkt, und die Gipshände an den Wänden scheinen weich gezeichnet. Staub schwebt in der Luft. Im angrenzenden Raum stehen Palmen, ein antikes Klavier, ein Motorrad und die Figur eines kleinen Jungen, der auf einer Steinplatte seine Hand in Handabdrücke legt.
Wenig ist davon zu spüren, dass sich hier Menschen tagtäglich mit dem Tod auseinandersetzen, Hinterbliebene und Daniele Trebucchi, der als Bildhauer seine Erfahrung und sein Können zur Verfügung stellt, um Verstorbenen ein Zeichen zu setzen. Keine Trauer, höchstens pietätvolle Zurückhaltung.
„Das Grabmal ist ‚Geheimsprache‘ zwischen dem Verstorbenen und den Angehörigen. Es weckt Gedanken und Gefühle und hält den Kontakt zwischen Diesseits und Jenseits wach“, sagt Trebucchi. Das Leuchten seiner Augen und die lebhaften Gesten drü-cken Lebensfreude aus. Angst vor dem Tod hat er keine: „Ich versuche, meine begrenzte Zeit auf Erden bestmöglich zu nutzen.“ Darum geht es ihm: um das Leben und um den Menschen. Immer wieder den Menschen.
TRAUERARBEIT
„Der Abschied von einer nahe stehenden Person hinterlässt eine Leere, die bewältigt werden muss. Das Ausarbeiten eines Grabsteins ist ein wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit“, erklärt Trebucchi. Doch Trauer braucht Zeit. In langen Gesprächen versucht der Bildhauer, aus den Worten der Angehörigen das Wesen des Verstorbenen herauszuspüren. Danach folgen erste Skizzen, später Materialwahl und Ausarbeitung – die symbolische Umsetzung dessen, was den Verstorbenen ausmachte, zumindest in den Augen der Angehörigen. „Mir liegt viel daran, die vordergründige Darstellung zu durchbrechen und in die Tiefe zu gehen“, sagt Trebucchi und deutet auf seine Grabstein-Modelle. Obligate Röschen findet man hier keine, dafür Bambuszweige, Vögel, Schalen, keltische Tore mit christlichen Symbolen. Zu den traditionellen Materialien Stein, Bronze, Eisen und Holz kommen Glas und Metall. „Ich mache, was ästhetisch vertretbar ist – und was nicht nur den Hinterbliebenen, sondern auch mir Freude bereitet.“
ZEITZEUGEN
Friedhöfe sind Zeitzeugen, Grabmale modischen Strömungen unterworfen. Trebucchi hütet sich davor, trendig oder plakativ zu sein: „Es geht um die Idee und deren Gehalt.“ Auch „schreiende“ Grabmale mag er nicht: „Ein Friedhof ist ein Seelenpark, wo eine geritzte Steinplatte ebenso wirkungsvoll sein kann wie ein aufwändig gestaltetes Gebilde.“
Bis ein Grabstein von Trebucchi auf dem Friedhof steht, ist oft mehr als ein Jahr seit dem ersten Beratungsgespräch vergangen. Eine Zeit der Heilung und Reifung. „Das Grabmal ist das letzte Geschenk an den Verstorbenen und soll seine Einzigartigkeit versinnbildlichen.“ Trebucchis Grabsteine sind Unikate. Die Konkurrenz mit industriell gefertigten Massenprodukten fürchtet er nicht, ebenso wenig Gemeinschaftsgräber. „Das Bedürfnis nach einem konkreten Ort und einem persönlichen Zeichen wird überdauern“, ist der Bildhauer überzeugt.
Und wie soll dereinst sein eigenes Grabmal aussehen? Trebucchi deutet auf den Knaben – Abbild seines jüngsten Sohnes – inmitten der Handabdrücke: „Dies ist die Grabplatte für unser Familiengrab, die ich nach dem Tod meines Vaters gestalten durfte – ein Kind, das spielerisch nach den Spuren seiner Ahnen sucht. Da habe ich zum ersten Mal persönlich gespürt, was es heisst, den Kern eines Menschen im Grabmal zu erfassen – und wie wichtig dieser Prozess ist.“
PIA STADLER